Wagen 3, im vierten Abteil

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Wagen 3, im vierten Abteil

Wagen 3, im vierten Abteil

Vera Stein

Der schrille Ton der Pfeife treibt die letzten Fahrgäste in den Zug. Die Türen schließen sich und ich schaffe es gerade noch, beim Schaffner durch die offene Tür in den Zug.
Auf keinen Fall auffallen, hatte ich mir vorgenommen.
Aber es fing ja schon mal gut an, geht es mir durch den Kopf. Ich verkneife mir das Schniefen und, noch etwas außer Atem gehe ich vorsichtig durch den Gang des ersten Waggons. Dann, im dritten angekommen zähle ich „eins, zwei, drei“ und ich erreiche das vierte Abteil.
Das sollte es sein.

Da ist er!
Ganz vertieft und im Schein der Leselampe, sitzt er in diesem dunklen Abteil, in seine Zeitung vertieft und bemerkt mich nicht.
Gott sei Dank.
Ich stehe draußen und kann ihm über die Schulter schauen. Er ist alleine. Das wird meinem Plan sehr dienlich sein!

So ziehe ich mich vorsichtig zurück, um nicht von ihm bemerkt zu werden und setze mich in das benachbarte Abteil.

Erfahrungsgemäß ist dieser Zug am Abend sehr voll. Nun, heute Abend nicht. Sehr gut. Sicher haben genau in diesem Moment meine Augen gefunkelt, denn ich wäre mehr als nur froh, wenn kein weiterer Fahrgast etwas mitbekommt von dem, was bald passieren wird.
Nebenan!

In meinem Abteil ziehe ich die Vorhänge zu und bereite mich unter dem Schutz meines langen Mantels für ihn vor. Der Slip verschwindet in der Handtasche, im Mantel klappern die Handschellen und die Maske liegt bereit.
Ja, für ihn!
Dieser Mann ist einer, wie ihn sich viele Frauen vielleicht wünschen, später dafür lieber verwünschen.
Er ist groß, gut aussehend aber leider so etwas von sich eingenommen und will der dominante Mann überhaupt sein. Natürlich hat er immer Recht, mit dem was er sagt und will. Sein Wort ist das Gesetz. Das wissen wir ja.
Trotzdem, auch mein Herz schlug einmal für ihn.
Doch in meinen Augen wurde er irgendwann zum Würmchen, denn bekannter Weise haben Lügen kurze Beine.

Ich bin aufgeregt.

Endlich. Der Schaffner kommt. Desto früher er kommt, desto früher kann ich meinen Plan in die Tat umsetzen, desto früher vergeht diese Aufregung.
"Ihre Fahrkarte bitte!"
Dann geht er wieder.

Wenige Augenblicke später. Mir zittern leicht die Knie, als ich aufstehe und den Mantel wieder um mich schlinge.
Also los!
Ich öffne die Tür meines Abteiles und sehe mich im Gang um. Keiner da. Bis Schnuffelhausen ist es noch eine dreiviertel Stunde, bis dahin kein Halt und somit keine neuen Fahrgäste.
Nun gut.
Dann rede ich mir mal wieder selbst Mut zu und schreite zur Tat.

Jemand betritt sein Abteil.
Ich, die maskierte Frau stehe vor ihm.
Er schaut erstaunt von seiner Zeitung auf und scheint nicht sonderlich überrascht zu sein, eine maskierte Frau vor sich zu sehen. Trotzdem entlockt ihm mein Anblick und wohl die Situation im Allgemeinen ein einfaches „Oh“!
Ich schließe dabei die Vorhänge und hauche ihm dann mein sinnlichstes "Guten Abend" entgegen. Und das mit so tiefer Stimme, dass mir fast der Hals weh tut und.
Und während er nun auch endlich die Zeitung beiseite legt, mache ich die Knöpfe meines Mantels auf unter dem mein Lackkleid zum Vorschein kommt und so stehe ich dann vor ihm in meinen viel zu hohen Stiefeln.
Bevor er - wie er es früher immer tat, die Arme verschränkt, die Beine übereinander schlägt und mit fordernden Blicken um sich werfen kann, habe ich schon die Seiten meines Mantels nach hinten geschlagen und sitze auf
seinem Schoß.
Das kommt ihm dann doch seltsam vor.
„Hey, was soll das? Wer sind sie?"
Er hat mich noch nicht erkannt, gut so, denke ich, du wirst schon sehen.
Es ist aufregend. Wie ich da so auf ihm sitze, die große Unbekannte, die ihn überrascht hat, mitten in einem Zug, wo wir jeden Moment entdeckt werden könnten.
Erregend ist das. Und genau das lasse es ihn spüren. Denn schon will er reflexartig seine Arme um mich schlingen, als plötzlich ein paar Handschellen vor seinem Gesicht baumeln.
Er wirft mir sein verschmitztes Lächeln entgegen, so wie "Aber nicht mit mir!" und versucht nach den Handschellen zu greifen.

"Nur meine Regeln gelten!", flüstere ich ihm ins Ohr.
Sein Zögern dauert Sekunden. Er ergibt sich, viel zu reizvoll ist das hier alles und so überraschender Weise für ihn. Ich hänge die Handschellen über die Gepäckablage über ihm, er hebt seine Arme hoch und die Dinger
schnappen zu.

"Ich habe eigentlich meine Sklavin erwartet, aber die ist nicht gekommen, wie verabredet. Ich weiß zwar nicht, was das zu bedeuten hat... "
Aber schon stopfe ich ihm einen Knebel in den Mund.
Ich stehe auf und lausche ein letztes Mal, ob im Gang jemand ist, dann schaue ich ihn an und lösche das Leselicht über ihm.
Nur noch ein kleines Licht erhellt den Raum soweit, dass er mich sehen, aber nicht erkennen kann.
Mit meinen - vor Aufregung - noch immer kühlen Händen öffne ich seine Hose und schaue dabei in seine jetzt weit aufgerissenen Augen. Ein kurzer Ruck, schon habe ich seine Hose ein Stück herunter gezogen. Wie primitiv. Sein bestes Stück ist schon nach wenigen Momenten so steif, dass ich mich jetzt irgendwie wie dessen heldenhafte Retterin in der Not vorkomme. Die Befreierin!

So scheint es schon jetzt der richtige Zeitpunkt zu sein und ich ziehe aus meinem rechten Stiefel ein Kondom hervor und schaffe es – Gott sei Dank - im Halbdunkeln ihm das Ding überzustreifen.
Viel wehren kann er sich nun nicht mehr und so versucht er, für mich undefinierbare Laute, durch den Knebel zu pressen. "Mmmmpf!"
Was will er mir wohl mitteilen?
So und nicht anders sollte er es von seinen Sklavinnen kennen.

Dann lasse ich mich genüsslich auf diesem Mann nieder. Ich docke quasi an, lasse ihn in mich hineingleiten und nehme mir zum ersten Mal das von ihm, was er sich bisher immer nur von mir genommen hat. Sex.
Und spätestens in diesem Augenblick sollte er mich erkannt haben. Oder? Denn Fleisch ist nicht gleich Fleisch!
Er wird still und schließt die Augen.

Ich greife nach dem Gepäckträger über mir und halte mich fest. Mit wiegenden Bewegungen lasse ich ihn jetzt mich spüren.
Es gefällt mir. So sehr.

In meinem Kopf fährt die Welt Achterbahn: Endlich hält seine Klappe. Endlich kann ich einmal das tun, was ich will, ohne von ihm gedemütigt oder geschlagen zu werden. Ohne diese vielen Versprechungen, wie „Morgen meine Sklavin“. Endlich kann er mich nicht mehr belügen, betrügen oder versetzen. Und endlich keine Phrasen mehr aus diesem, seinem Mund. Kein Gelaber von ihm, dem dominantesten aller Doms, dem Herrn der Herren und Herrscher über meine Lust und der vielen anderer Frauen in seinem Leben. Keine Paragraphen, kein Vertrag, keine Regeln und Pflichten.
Heute und jetzt gibt es nur meine Regel: Halt die Klappe!

Ich will einfach nur mal ich sein. Ein gieriges geiles Weib, eine Frau voller Lust, ohne lange darum bitten zu müssen mit dem Effekt, es vielleicht doch nicht zu bekommen, weil er der Meinung wäre, es steht mir nicht zu, ich hätte es mir noch nicht verdient.

So wiege ich mich auf ihm, vor und zurück und meine Erregung steigt.
Von ihm vernehme ich erstes Stöhnen und ich denke in der ersten Sekunde wirklich, ob ich ihm das erlauben sollte. Hat er mich etwa gefragt?

Tausend und eine Strafe schwirrt mir durch den Kopf, was mich noch wilder macht und ich mich nicht mehr halten kann. Total erregt, wie von
Sinnen, weil ich ja so mutig bin, im Vollrausch und noch viel mehr, koste ich jeden Stoss voll aus. Jede Bewegung. Ich spüre ihn in mir. Ich komme. Und noch einmal.

"In Kürze erreichen wir... sie haben Anschluss an den... Bahnsteig zwei."
Perfektes Timing. Ich löse mich von ihm.

Sein bestes Stück ragt wie eine Laterne in die Höhe und am liebsten würde es nach mir schnappen. Kurz vor seinem Höhepunkt.

Durch das Fenster sehe ich die ersten Lichter der Stadt. Schnell öffne ich den Knebel, lasse ihn in der Manteltasche verschwinden und löse die Handschellen. Und da wo sie seine Hände umschlungen haben, wird er noch für eine kleine Weile diese roten Striemen sehen.
Reflexartig greift er danach, reibt daran herum, wo er doch wissen müsste, dass das nicht hilft.
„Wer bist du?“
Der Zug fährt in den Bahnhof ein. Ich antworte nicht. Der Zug hält.
Ich verschwinde aus seinem Abteil, hole nebenan meine Tasche und stehe schon an der Tür. Und während er - bestimmt leicht verstört, langsam realisiert, was da mit ihm gerade passiert ist, steige ich aus dem Zug, renne ich zum Nachbargleich und steige in den dort stehenden Zug ein.
Wirklich, ein perfektes Timing.

Von meinem Zug aus sehe ich ihn am Fenster im Zug gegenüber stehen, wie er seinen Gürtel schließt und versucht, mich auf dem Bahnsteig auszumachen.
Doch er kann mich nicht finden.

Sogar von mir aus kann ich sein rotes Gesicht sehen. Ich glaube er ist wütend, denn plötzlich stapft er den Gang entlang und schaut in alle Abteile.
Um nicht doch noch entdeckt zu werden, setze ich mich endlich und denke mit einem breiten Grinsen in meinem Gesicht an ihn.

Es ist schlimm genug, dass er nach all den vielen Monaten noch immer nicht weiß, mit wem er zusammen gewesen ist, welche Frau er gefickt hat, wie sie sich anfühlt, wie ihre Stimme klingt und welchen Duft sie trägt. Schlimm genug, dass ich diese Frau gewesen bin, die er nun nie wieder sehen wird.

Mein Zug fährt los.
Und weg bin ich.

Ich bin an diesem Abend erst gegen Mitternacht daheim. Mein Anrufbeantworter kommt aus dem Blinken nicht heraus. "Wo warst du?", schreit er mich an.

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