Warten - so was dummes aber auch

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Warten - so was dummes aber auch

Warten - so was dummes aber auch

Karin und Peter Dambier

Ich bin Widder! Widder warten nie! Mein Mann weiss das. Karl ist Zwilling. Die können alles, die wissen alles. Dafür sind die aber auch neugierig für zwei und anstrengend wie zwei.
Karl will mir das Warten beibringen. Einfach nur warten gibt's nicht! Da gehört Spannung dazu, Aufregung und Neugier. Für mich heisst das, das kürzeste Kleid, das Karl finden konnte - eigentlich ist es nur Achselshirt, aber Karl meint mit dem Gürtel vom Bademantel gibt das ein wunderschönes Minikleid. Dazu gehört natürlich ein String-Tanga, so ein Ding, das immer im Hintern kneift, damit ich auch ja nicht vergesse, wie ich aussehe. Zum Glück hält Karl viel auf Gesundheit: Von hohen Schuhen und einengenden BHs verschont er mich.
So wie ich gekleidet bin, traue ich mich nicht, mich hinzusetzen. Mein Shirt würde hoch rutschen und der Blick wäre frei, auf meine Unterwäsche. Ich weiss nicht wie lange ich hier warten muss. Das weiss nur Karl. Damit ich Zeitvertreib habe, darf ich mir eine Geschichte ausdenken, zum Thema warten. Die soll ich Karl erzählen, wenn er mich abholen kommt. Wenn sie ihm nicht gefällt darf ich morgen wieder hier warten und mir eine neue Geschichte ausdenken. Ich weiss nicht wie lange ich Zeit habe. Das ist auch der Clou an der Sache. Mir soll das Warten lieber sein, als die Aufregung, die danach kommt.
Warten ist die nervigste Tätigkeit, die ich kenne. Warten ist überhaupt keine Tätigkeit. Ich sehe mich um: Ich bin im Fürstenlager. Vor mir ist der Teich mit Enten und Schwänen. Hinter mir sind Bänke mit Rentnern, die versuchen mir unter das Kleid zu sehen. Die Sonne scheint - Karl würde sagen: "Der Planet drückt." Meine Blase drückt auch. Weit und breit kein Klo. Ich kann entweder hochlaufen zum Herrenhaus, und dort für Aufregung sorgen - womöglich fällt einem Kellner das Tablett aus der Hand - ich habe kein Geld bei mir. Ich kann mir noch nicht einmal einen Kaffee bestellen. Oder ich kann hinunterlaufen, zum Parkplatz. Dort ist ein Klo. In jedem Fall bin ich eine viertel Stunde weg. Karl hat warten gesagt, nicht weglaufen, nicht verstecken.
Ich möchte Karl in dieser Situation sehen: Karl ohne Unterhosen, in seiner hautengen Trainingshose, die Naht in den Po gezogen, sein Gebambel vorne gut sichtbar. Schade dass es hier keine Laternenpfosten gibt. Karl an einen Laternenpfosten gefesselt, die Hände hinter seinem Rücken. Karl würde allen Miniröcken und allen Ausschnitten nachsehen. Also würde ich Karl eine Sonnenbrille aufsetzen, mit schwarzen Gläsern, damit er nichts sieht. Sicherlich würde Karl jemanden zum reden finden. Karl kann seinen Mund nicht halten, ich müsste ihn also auch noch knebeln. Auch Karl muss mal aufs Klo! Ich könnte etwas nachhelfen, ein grosses Glas Wasser braucht etwa eine halbe Stunde. Länger als eine halbe Stunde hält Karl es bestimmt nicht aus.
Eine Geschichte ausdenken ist kein Problem für Karl. Ohne Augen vielleicht schon, dann fehlt ihm die Ablenkung. Warum kann ich eigentlich keine Ablenkung finden? Wer sagt dass ich hier an ein und derselben Stelle stehen muss. Ich werde mich ein bisschen umsehen, ein bisschen spazieren gehen. Als ich über die kleine, tonnenförmige Holzbrücke steige, kann ich alle Blicke auf meinen nackten Hintern fühlen. Auf der anderen Seite verschwinde ich hinter Sträuchern und Bäumen. Ruckzuck ist der String ausgezogen. Ich gehe in die Hocke und gleich geht es meiner Blase besser. Ich stehe wieder auf, gerade als ein Pärchen um die nächste Ecke kommt. Ich gehe wieder zur Holzbrücke zurück. Wo soll ich mit dem String hin. Ich habe keine Handtasche. Im Shirt sind keine Taschen und auch keine Ärmel, wo ich das delikate Teil verschwinden lassen könnte. Anziehen kann ich ihn auch nicht mehr - ich habe zu viele Zuschauer. Wenn ich so über die Brücke laufe, dann können alle meine nackte Vorderseite sehen. Zurück traue ich mich auch nicht. Ich will nicht, dass die zwei mich mit meiner Pfütze sehen. Zum Kuckuck wo bleibt Karl. Was hat der sich bloß gedacht?
Ich stehe am Wasser, immer noch den Stringtanga in der linken Hand, wie ein Taschentuch zusammengeknäuelt. Ich bin nass zwischen den Beinen, weil ich keine Zeit und nichts zum Abtrocknen gehabt habe. Das Pärchen steht hinter mir. Er flüstert ihr ins Ohr:
"Du - guck mal, die hat nur ein Nachthemd an, und nix drunter - kein Slip, kein BH. Ich will dass du auch so rumläufst?"
Sie streichelt seinen Bauch - und dann tiefer:
"Das glaub ich dir. Das kannst du nicht verheimlichen! Aber die hat bestimmt einen Stringtanga, den sieht man nicht."
"Nein, den trägt sie nämlich in der Hand".
"Ich glaub wir haben sie beim Pinkeln gestört. Die nassen Beine. Komm wir gehen über die Brücke, dann kann sie sich wieder anziehen."
Das Pärchen verschwindet tatsächlich über die Brücke. Ich gehe ein Stück weiter, den Weg hinauf, verschwinde hinter dem nächsten Gebüsch, reibe mich trocken und ziehe ganz schnell meinen String wieder an. Karl könnte ich ohrfeigen. Ich bin überall ganz rot geworden, nicht nur im Gesicht. Ich gehe noch ein Stückchen weiter und setze mich auf eine Bank. Hier gibt es keine Zuschauer und über den Teich herüber kann man mir nicht ansehen, was ich unter meinem Hemd trage.
Was soll ich Karl erzählen? Was wenn der plötzlich kommt? Wenn Karl vom Restaurant kommt, dann kann ich ihn von hier gut sehen und noch vor ihm wieder da sein, wo er mich abgesetzt hat. Wenn er von unten kommt, wo unser Auto steht, dann sehe ich ihn ebenfalls kommen. In jedem Fall wird er sehen, dass ich nicht auf meinem Platz geblieben bin.
Die Fische kann ich von hier nicht sehen, nur zwei riesige Goldfische, gross wie Schäferhunde. Ob die auf Beute warten? Rechts und links ein Wasserfall. Es plätschert so beruhigend. Ausser dem Wasser ist fast nichts zu hören. Unten bei der Holzbrücke sitzt jetzt eine junge Frau. Sie scheint auf jemanden zu warten, so wie ich. Bestimmt muss die auch bald aufs Klo, bei dem Geplätscher. Die Rentner sind verschwunden. Ich verschwinde auch. Jetzt kann ich mich ja unten beim See hinsetzen.
Ich setze mich zu der jungen Frau. Zu fragen ob Platz frei ist habe ich vergessen. Noch vor ihrem Abwehren frage ich sie:
"Guten Tag. Sie warten bestimmt auch auf einen?"
"Schönen Tag auch. Sieht man mir das an? Bin ich so nervös?"
"Alle Menschen, die warten, erkennen sich. Wir haben alle etwas gemeinsam. Man muss es nur fühlen!"
"Und auf wen warten Sie? Haben sie die Anonce aufgegeben oder er?"
"Nein - bei mir ist es erzieherisch. Ich warte auf meinen Mann. Ich bin ihm zu ungeduldig. Ich soll über "Das Warten an sich" meditieren - und ihm nachher auch noch einen Roman darüber erzählen."
"Ganz schön bescheuert der Typ!"
"Neinnein! Das ist schon richtig so! Ich machs genauso. Wenn mir etwas nicht passt, dann schreibt mein Karl einen Aufsatz - oder er erlebt ein Abenteuer - sowas in der Richtung."
"Dann macht ihr also Rollenspiele? Das hat mich immer schon interessiert!"
"Nicht ganz so abgefahren wie Rollenspiele - aber doch unterhaltsam - vor allem verstehen wir uns dadurch ganz gut. Wenn einer den anderen nicht richtig versteht, und sowas kommt in guten Ehen öfter vor als sie glauben, dann erlebt er es so intensiv, dass er es kapiert!"
"Eigentlich ganz vernünftig. Mein Eheberater hat mir auch mal so einen Tipp gegeben. Aber leider war mit Franz nichts zu machen. Wenn der eine Flasche gesehen hat, dann waren alle guten Vorsätze beim Teufel. Jetzt bereite ich meine nächste Beziehungskriese vor."
"Erstes Treffen?"
"Ja, Alfons hat so eine schöne, herzzerreissende Anzeige aufgegeben. Aber bisher habe ich nur kaputte Typen durch Anzeigen kennengelernt. Am schlimmsten wars als ich selber eine Anzeige aufgegeben habe. Glauben Sie ein Typ hätte meine Anzeige richtig gelesen? Lauter Egos! Ich habe geschrieben: Nichtraucher. Fragt mich doch glatt einer am Telefon was ich am liebsten rauche. Haben Sie gestern abend die Talkshow gesehen, mit dem Moderator, der immer alles besser weiss?"
"Also mehr ein Aufheizer als ein Moderator? Nein wir haben kein Fernsehen."
"Das stimmt mit dem Aufheizer - wie der die Leute immer auf die Schippe nimmt! Der ist sowas von fies - und die blöden Teilnehmer fallen immer wieder drauf rein. Aber wie halten Sie das aus, ohne Fernsehen? Ist ihr Mann - Karl, so geizig?"
"Nein, daran liegts nicht. Den Fernseher bezahlt notfalls das Sozialamt - Zeitungsleser dagegen sind nicht erwünscht. Die denken zu viel nach. Deshalb haben wir keinen Fernseher. Karl und ich reden viel miteinander und da haben wir einfach keine Zeit für Fernsehen. Meine Schwiegermutter hat einen Fernsehapparat. Wenn die das Gerät einschaltet, dann fängt die auch schon zu schimpfen an, bevor überhaupt ein Bild da ist. Karl hat heimlich den Stecker rausgezogen. Es hat eine halbe Stunde gedauert, bis es meine Schwiegermutter gemerkt hat!"
"Zu sowas ist Ihr Mann fähig! Für Franz war seine Mutter eine Göttin. Er hat sie angebetet, jeden Wunsch von den Lippen gelesen - und gemeinsam sind sie über mich hergezogen. Mal sehen was Alfons für ein Froschkönig ist."
"Das klingt nicht sehr hoffnungsvoll. Was wissen sie über Alfons?"
"Eigentlich gar nichts. Ich habe seine Anonce gelesen, ihm einen Brief mit meiner Telefonnummer, von der Arbeit, geschickt. Gestern nachmittag hat er mich angerufen und wir haben uns sofort für heute, hier im Fürstenlager verabredet."
"Weiss er wie sie aussehen?"
"Nein, wir haben ausgemacht: Entweder wir finden zusammen, oder es wird sowieso nichts."
"Und Alfons müsste jetzt jeden Moment aufkreuzen?"
"Nein - der hat noch mindestens eine halbe Stunde Zeit. Ich bin ja so aufgeregt! Ich könnte mir in die Hose machen - aber ich trau mich einfach nicht weg - aus Angst, dass ich ihn verpassen könnte."
"Sehen Sie da drüben, rechts über der Brücke, das Gebüsch?"
"Ja - die Hecke dort?"
"Genau da war ich. Aus Angst, dass ich meinen Karl verpassen könnte. Dann hat mich ein Pärchen überrascht - und ich stand da - mit meinem Höschen in der Hand - hab mich in den Boden geschämt - und Karl in Gedanken in den Teich geschickt, zwischen die beiden Killerhaie!"
"Sie meinen das riesengrosse Goldfischpärchen?"
"Genau die! Für Karl hätte ich mir Piranjas - gewünscht. Was glauben Sie was die zuerst angeknabert hätten - mein armer Karl! Gehen Sie in aller Ruhe aufs Klo. Ich passe auf, dass Ihr Alfons nicht wegläuft."
"Ein Glück, dass Sie glücklich mit Ihrem Karl sind. Sonst würde ich Ihnen meinen Alfons nicht anvertrauen! Hoffentlich bin ich wieder da, bevor er kommt!"
Die junge Frau verschwindet in Richtung Parkplatz. Karl lässt immer noch auf sich warten. Mal sehen wer zuerst kommt - Karl oder Alfons.
Das muss Alfons sein! Gross, schlank, die Zigarette in der Hand kommt er im Sturmschritt den Weg hochgehechtet. Etwas ausser Atem, sieht sich um, sieht mich ...
"Hallo, ich bin Alfons!"
Alfons weiss nicht wohin er zuerst sehen soll - dahin wo meine Beine enden - auf meine Brüste, die erkennbar freitragend sind - er entscheidet sich für mein Antlitz.
"Schön, dass du da bist, Alfons. Macht es dir etwas aus, die Zigarette auszumachen? Aber bitte nicht in den Teich werfen - das macht die Kaulquappen impotent!"
"Du bist aber direkt!"
Alfons wirft die Zigarette auf den Boden und tritt mit dem linken Fuß darauf. Linkshänder?
"Alfons da ist ein Abfallbehälter! Schau doch mal wie schön sauber es hier ist!"
Alfons errötet. Er wirft nochmal einen Blick auf meine Figur. Er geht in die Knie und greift zweimal daneben, weil er, statt nach der Kippe, zwischen meine Beine sieht. Immerhin weiss ich jetzt, dass er wirklich Linkshänder ist.
"Alfons, du bist doch ein einfühlsamer, intelligenter Mensch. Warum rauchst du?"
"Du meinst es wird nichts wenn ich das Rauchen nicht aufgebe?"
"Das war nicht meine Frage, Alfons. Du bist Linkshänder ..."
Alfons Gesichtszüge entgleissen. Die junge Frau ist wieder da. Sie hat sich auf die Bank neben uns gesetzt und hört gespannt zu.
"Woher weisst du, dass ich Linkshänder bin?"
"Alfons, du bist ein einfühlsamer, intelligenter Mensch. Da liegt es nahe, dass du Linkshänder bist. Ausserdem, wenn wir gemeinsam, Arm in Arm am Tisch sitzen und du nicht verhungern willst, dann musst du Linkshänder sein. Bist du Linkshänder?"
"Ja!"
"Und wie ist das mit dem Rauchen? Warum rauchst du? Du hast keine Freundin - du hast ein orales Bedürfnis. Also mußt du Nägel kauen, Daumen lutschen oder eben rauchen. Wenn du für jede Zigarette, die du nicht rauchst, meine Brüste lutschen darfst, oder meine Lippen - ich weiss wohin du gesehen hast, als du deine Kippe aufgehoben hast. Meinetwegen auch da! Wirst du dafür deine Zigaretten wegwerfen? Jetzt gleich?"
Alfons greift in seine Tasche und holt Feuerzeug und Zigaretten heraus. Er knüllt das Zigarettenpäckchen zusammen und wirft es in den Abfallbehälter. An seinem Schlucken merke ich, dass es ihm nicht leicht fällt. Inzwischen ist die junge Frau aufgesprungen und nimmt ihm das Feuerzeug aus der Hand. Dann setzt sie sich auf die andere Seite von Alfons.
"Hallo Alfons! Ich - bin Annette! Und das Feuerzeug brauchen wir noch für die Duftkerzen und Räucherstäbchen, damit du den schweren Verlust leichter erträgst."
Alons ist sprachlos. Eben hat er noch mich angebaggert. Jetzt hält Annette seine Hände. Hilflos wandern seine Blicke von mir zu Annette, von Annette zu mir.
"Alfons, ich bin Petra. Schön, dass du so lieb mitgemacht hast. Wärend ich auf Karl, meinen Mann gewartet habe, hat Annette auf dich gewartet. Ist doch blöd, dass zwei intelligente Frauen auf Männer warten sollen, eine kann doch auch auf zwei Männer warten. Meinst du nicht auch?"
Alfons öffnet den Mund bekommt aber nichts heraus.
"Petra wenn du willst kannst du jetzt aufs Klo gehen. Ich warte so lange auf Karl".
"Danke Annette, das mache ich. Wenn du willst kannst du ja Alfons unsere Hecke zeigen. Männer brauchen kein Klo, für die reicht ein Baum".
Annette lacht schallend. Alfons wird puterrot. Ich glaube langsam wird's ihm zuviel.
Als ich vom Klo zurückkomme, sitzt Karl auf meinem Platz. Annette sitzt in der mitte und Alfons sitzt ganz rechts, auf Annettes Platz. Karl hat einen roten Kopf. Er begrüsst mich:
"Schön dass du auch da bist. Annette hat für dich auf mich gewartet. Das war aber nicht abgemacht.
"Wieso denn nicht? Erst hab ich für Annette gewartet und dann hat Annette für mich gewartet. Jetzt darfst du für mich und Annette warten. Wenn du lieb bist darfst du mit Alfons gemeinsam warten. Du hast doch nichts dagegen, Annette? Oder?"
"Neinnein, Petra, das geht schon in Ordnung. Ich hab Karl schon erklärt wie das funktioniert, mit dem Warten. Ich denke jetzt muss er erst einmal die Praxis ausprobieren. Komm ich lade dich zu einem Eis ein. Und wenn Karl mal muss, dann zeigt ihm Alfons wie das mit dem Baum funktioniert. Ich habs gerade mit ihm geübt."
Karl und Alfons laufen beide rot an.
"Hat Alfons auch seine Belohnung fürs Nichtrauchen bekommen?"
Noch röter kann Alfons nicht werden.
"Ja Petra, danke, du brauchst dich nicht bemühen, ich habe dich würdig vertreten. Bekommt Karl auch von dir die Brust?"
"Natürlich, Annette, was glaubt du wie ich ihm die Gummibärchen abgewöhnt habe?"
"Na dann komm - gehen wir Eis essen."
Als ich mir Annette vom Eisessen zurückkomme, sind mein Karl und Alfons emsig mit diskutieren beschäftigt. Vonwegen warten!
Alfons: "Karl hat mir gesagt, ich soll mich vor einen Zug werfen!
Annette: "Wie bitte! Warum soll mein Alfons sich vor einen Zug werfen? Ich hab doch gleich gewusst, dass dir was fehlt!
Karl: "Vor den Zug werfen hat Alfons beschlossen. Ich habe nur gesagt: Wer wartet, der wartet auf seinen Tod!"
Petra: "Karl, erklärs uns mal in Zeitlupe. Wir sind nicht alle so schnell wie du."
Karl: "Ganz einfach: Du hast mir die Augen geöffnet, Petra. Es stimmt: Warten ist absolut sinnlos. Du kannst genausogut auf deinen Tod warten. Warten heisst, dass du Zeit verschenkst. Zeit die dir nachher an deinem Leben fehlt. Bitte verzeih mir, dass ich dich habe warten lassen. Ich werds nie wieder tun. Ich versprech dirs."
Annette: "Und Alfons was hat das mit dir zu tun?"
Alfons: "Ich arbeite auf dem Arbeitsamt. Ein Haufen Leute sitzt vor mir und wartet, dass ich sie aufrufe. Und wenn ich sie dann aufrufe, kann ich ihnen auch nicht helfen. Ich kann keine Arbeit zaubern, wo keine Arbeit ist. Eigentlich warte ich den ganzen Tag nur darauf, dass endlich Feierabend wird. Es ändert nichts. Morgen stehen die wieder da und warten auf mich. Ich kann nur auf meinen Urlaub warten - und wenn der rum ist, auf die Rente. Wenn ich endlich in Rente bin warte ich jeden Monat darauf, dass meine Rente auf dem Konto ist. Und das bis zum Tod. Ich kann eigentlich gleich auf meinen Tod warten. Ich habe Karl gefragt was ich machen soll. Der hat gemeint, ich soll mich auf ein Gleis stellen und auf den nächsten Zug warten."
Annette: "Armer Alfons. Aber Karl hat recht. Ich gehe mit dir zur Eisenbahn. Ich arbeite nämlich beim Sozialamt."
Petra: "Das ist ja irre - ich bin Kunde bei euch. Wieso haben wir uns nie kennengelernt?"
Annette: "Bei mir oder bei Alfons?"
Petra: "Bei euch beiden. Erst bei Alfons und dann bei dir Annette."
Annette: "Ach du dickes Ei!"
Karl: "Ich bin Informatiker. Ich war Informatiker, aber jetzt bin ich zu alt."
Annette: "Du siehst doch noch ganz fitt aus. Wie alt bist du denn, Karl?"
Karl: "Ich bin 36. Aber es gibt keine Informatiker die älter sind als 35. Ich war Spezialist für Warteschlangen. Ich habe gelernt, dass man Warteschlangen nie optimal hinbekommt. Am besten man vermeidet Warteschlangen ganz. Schaut euch unsere Industrie an! Oder einfach nur einen Supermarkt. Früher hat jeder sein Lager gehabt. Aber ein Lager ist sowas wie eine Warteschlange. Lagerplatz kostet Geld. Was im Lager liegt verdient nichts. Heute liefert der LKW die Waren direkt ins Regal. Und Warteschlange ist auf der Autobahn. Von Hammerfest bis Rimini - ganz Europa eine Warteschlange. Oder seht euch Computer an! Wir haben Warteschlangen vermieden. Und was machen die neuen? Der Computer wartet, dass du die Maus schiebst. Du wartest auf den Computer dass der fertig wird. Deine Frau wartet dass du kommst - weil sie schon fertig ist."
Alfons: "Stimmt doch gar nicht! Die neuen Computer werden doch immer schneller!"
Karl: "Stimmt schon: Der neue Intel Processor kann 512 NOPs gleichzeitig ausführen! Wisst ihr was ein NOP ist? No Operation, ein Wartecyclus."
Annette: "Ach du dickes Ei! Denkst du etwa der ganze Fortschritt ist nur auf warten ausgerichtet?"
Alfons: "Karl hat Recht! Ich war mal bei der Bundeswehr. 18 Monate lang. Wir haben 18 Monate lang darauf gewartet, dass ich wieder raus darf. Wir hatten Zeitsoldaten. Anfangs waren die richtige Komissköpfe. Aber nach zwei Jahren konnten die es gar nicht mehr abwarten endlich wieder raus zu dürfen. Vier und sogar acht Jahre lang haben die nur auf ihre Befreiung gewartet. Und jetzt arbeite ich auf einem Amt und warte von morgens bis abends, Tag für Tag, Woche für Woche ... Und wenn ich endlich in Rente komme dann ist mein Leben um. Ich habe auf meinen Tod gewartet."
Petra: "Karl du bist unmöglich! Ich denke du bist Zwilling! Wo bleibt deine Fantasie? Wo bleibt dein Optimismus. Du setzt dich einfach auf das nächste Bahngleis und wartest. Wie lange brauchst du, bis du merkst, dass die Bahn die Strecke stillgelegt hat?"
Karl: "Wir müssen dem ganzen todbringenden Warten ein Ende bereiten. Welche Warteschlange ist die längste?"
Annette: Auf meinen DSL-Anschluss habe ich fast ein ganzes Jahr gewartet. Und dann hats nochmal ein halbes Jahr gedauert bis es funktioniert hat."
Petra: "In Pfungstadt war dauernd unser Telefon kaputt. Einmal pro Woche hatten wir einen ganzen Tag lang kein Telefon, einmal musste ich sogar über eine Woche lang warten, bis es wieder funktioniert hat. Die Telekom hat es jahrelang nicht in Griff bekommen."
Karl: "Dann hätten wir ja den Übeltäter: Die Aktionäre warten jahrelang darauf, dass Ron Sommer geht. Ron Sommer wartet darauf, dass die T-Aktien wieder steigen ..."
Annette: "So ein Quatsch! Deutschland ist ein Volk von Kaffee-Trinkern. Wer kauft da Tee-Aktien."
Petra: "Da steckt der Fehler: Es heisst doch abwarten und Tee trinken. Die hätten Kaffee-Aktien verkaufen sollen! Habt ihr schon einmal eine Schlange beim Eduscho gesehen?"
Alfons: "Apropos Kaffee; ich möchte meinen jetzt gern loswerden."
Karl: "Das trifft sich gut. Ich muss nämlich auch. Komm wir gehen runter zum Parkplatz. Die Damen können solange auf uns warten."
Annette: "Kommt überhaupt nicht in Frage! Dich lass ich nie wieder mit meinem Alfons alleine! Das letzte mal hast du ihn fast zum Selbstmord getrieben."
Petra: "Und ausserdem haben wir Frauen lange genug auf euch Männer gewartet. Jetzt dürft ihr warten, und zwar darauf, dass der Menschauflauf, dort hinten am Gebüsch sich auflösst. Dann werden Annette und ich uns ansehen, was ihr zu bieten habt. Annette komm wir erkunden schon unseren Spielplatz. Karl und Alfons, ihr bleibt hier und wartet auf uns!"
Annette folgt mir begeistert über die Brücke.
"Was hast du vor, Petra?"
"Annette hast du gemerkt, wie Alfons vorher auf meine Klamotten abgefahren ist? Dafür würde der sogar das Rauchen aufgeben. Verstehst du was ich meine?"
"Du denkst sicher ich sehe aus wie eine graue Maus."
"Eine Behördenmaus! Alles grau in grau, blos keine Farbe. Mit dem wadenlangen Rock wirkst du langweilig und deine Bluse verspricht auch keine Überraschung. Mit deinen halbhohen Schuhen quälst du deine Füsse und, deiner Körperhaltung nach, quält dich dein BH."
"Ich würde am liebsten barfuss gehen, aber dann muss ich meine Strumpfhose loswerden. Der BH quält mich wirklich - aber ohne - so wie du?"
"Hohe Absätze will Karl bei mir nicht sehen. Das macht Füsse, Beine, das Becken und die Wirbelsäule kaputt. Egal wie geil es aussieht. Da sind Karl und ich uns einig. Mit dem BH hat er mich überrumpelt. Ich hatte Genickschmerzen und Schmerzen in der einen Brust. Das ist mir früher bei jeder Regel passiert. Karl hat mir den BH ausgezogen und ganz liebevoll die Brüste und die Schultern massiert und mir klar gemacht, dass der BH in die Schultern schneidet, die Brustwirbel und die Brüste quetscht und die Haltung verdirbt. Ich glaube er hat Recht - aber bestimmt ist es auch gut für seine Augen!"
"Hast du eine Idee wie ich auf die Schnelle glänzen kann?"
"Wenn du dich bei Alfons bedienst, ja!"
"Wie meinst du das?"
"Alfons weisses Hemd gibt für dich bestimmt ein geiles Minikleid, sein Schlips als Gürtel. Zieh die Strumpfhose aus und geh barfuss. Du kannst die Strumpfhose auch anlassen, es gibt Männer, die stehen auf Laufmaschen und Löscher. Aber sieh zu, dass du den BH los wirst, wenn er dich kneift. Sei gelassen und entspannt, das überträgt sich auf Alfons."
"Und was soll Alfons anziehen?"
"T-Shirt und kurze Hose. Der trägt ein weisses Unterhemd. Das hab ich gesehen."
"Wo du überall hinsiehst! Hast du auch gesehen was er für Unterhosen an hat? Boxershort und wir wären gerettet."
"Ich schlage vor, du gehst jetzt mit ihm pinkeln und ich beschäftige Karl."
"Auf was hab ich mich da blos eingelassen?"
"Willst du wieder eine Niete ziehen - oder willst du dir einen sanften Piraten grossziehen?"
"Ein Seeräuber ist genau das, wofür er sich in der Anzeige ausgegeben hat."
"Dann setz ihm deine Strumpfhose als Hut auf. Aus einem Bein machst du eine Augenklappe."
"Petra du bist unmöglich! Was bist du eigentlich für ein Sternzeichen?"
"Widder."
"Das kann überhaupt nicht sein. Wie kommst du nur auf solche Ideen?"
"Das hab ich von Karl. Der ist Zwilling. Los jetzt. Zieh die Strumphose aus und schmeiss deine Teppischtreter weg".
Annette zieht tatsächlich erst die Schuhe und dann die Strumpfhose aus. Sie versteckt beides in ihrem Blazer.
"Und was soll ich jetzt mit meinem BH machen?"
"Kannst du ihn loswerden ohne Jacke und Bluse auszuziehen?"
"Wie denn?"
"Hast du ein Taschenmesser oder eine Schere?"
"Mein Gott, der hat mich fast einen Monatslohn gekostet!"
"Wenn du eine Woche ohne BH gelaufen bist, wirst du nie wieder einen Anziehen."
"Bitte halt mal meinen Blazer!"
"Na also - warum nicht gleich?"
Annette zieht Bluse und Blazer wieder an. Die Taschen sind etwas ausgebeult, von BH, Strumpfhose und Schuhen, aber sonst sieht Annette viel interessanter aus. Als wir über die Brücke zurückkommen sieht Alfons zum ersten mal mehr auf Annette als auf mich.
Petra: "Hallo Alfons, Karl - die Luft ist rein! Wollen wir zusammen Pipi machen? Oder lieber jedes Paar nacheinander?"
Alfons und Karl bleibt die Luft weg. Annette schnappt sich Alfons und geht mit ihm über die Brücke. Karl und ich spitzen die Ohren, was hinter dem Gebüsch passiert.
Nach einiger Zeit kommt ein etwas schüchterner Alfons, in Boxershort und Unterhemd, mit einer scharfen Annette, superminni und mit Alfons rotem Schlips als Gürtel, zurück. In Karls Hose rührt sich was. Jetzt verschwinden wir hinter das Gebüsch.
"Sag mal, Petra, was war jetzt da los?"
"Ich denke du musst mal?"
"Ja, aber ich will wissen wer die beiden sind! Habt ihr euch hier verabredet?"
"Nein wir haben nur gemeinsam gewartet. Annette auf Alfons, und ich - du weisst schon."
"Aber angebaggert hat doch Alfons dich! Gelle?"
"Das war ein Missverständnis. Warum sollen zwei erwachsene Frauen warten, wo eine alleine reicht. Das ist doch viel ökonomischer. Also habe ich auf Alfons und auf dich gewartet. Wer zuerst kommt."
"Und Alfons kam zuerst!"
"Stimmt! Der hat vielleicht geguckt - wie du mich angezogen hast. War richtig geil. Der hat mir überall hingeguckt."
"Ich hätt ihn umbringen können!"
"Versucht hast du es ja - ihn zum Selbstmord treiben - Karl, Karl!"
"Und wieso hat Annette auf mich gewartet? Ich dachte schon die will mich vernaschen, so wie die losgelegt hat."
"Ist doch logisch. Du hast doch selbst gesagt, dass warten den Tod bringt."
"Und woher kennt ihr euch alle?"
"Vom warten."
"Und dieser Alfons?"
"Hat eine Anzeuge aufgegeben: Seeräuber sucht Piratenbraut. Annette hat ihm geantwortet. Heute haben sie sich zum ersten mal getroffen."
"Dafür sind die beiden aber ganz toll aufeinander los. Sogar Kleider haben sie getauscht."
"Du hast uns doch klar gemacht, dass warten immer warten auf den Tod bedeutet."
"Meinst du das im Ernst?"
Als Antwort steht Karl plötzlich im Freien.
"Wolltest du nicht pinkeln? Worauf wartest du?"

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