Wert und andere Irrtümer

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Wert und andere Irrtümer

Wert und andere Irrtümer

Leni Trattner

Erst, als er nach wenigen Sekunden begann, nach einem Taschentuch zu suchen und mir diesen abzuwischen, da wurde mir dies bewusst. Und musste lächeln – der Gentleman war wieder zurück. Und der musste seine Dame natürlich reinigen. Obwohl dies wohl in keinem Buch über das gute Benehmen genau so stand.
Danach lagen wir ruhig nebeneinander, beide am Rücken.
Er strich mit der Hand über meinen Arm. Eine fast zärtliche Geste, aber sie hatte etwas Fragendes. Als würde er sich vergewissern, was genau da gerade passiert war. Und dass ich wirklich hier neben ihm lag.
„Ich hatte noch nie …“ begann er.
Ich drehte den Kopf leicht zu ihm, sagte aber nichts.
Er suchte kurz nach Worten, und zum ersten Mal, seit wir uns kannten, wirkte das nicht wie ein Stilmittel, sondern wie Unsicherheit.
„… noch nie eine Frau wie dich.“
Es hätte ein Kompliment sein können.
Vielleicht war es sogar als eines gemeint.
Ich sah ihn an.
Und verstand sofort, was er wirklich sagte.
Nicht laut. Nicht bewusst. Aber deutlich genug.
Nicht wie die Frauen, die zählen.
Nicht wie die, die bleiben.
Nicht wie die, die man zeigt.
Ich verstand, dass er mich so nehmen konnte, weil ich nie die Frau sein würde, die seine Kinder auf die Welt bringt. Nicht die, die man anbetet und verehrt.
Sondern wie die, mit denen man Dinge macht, die in seiner Welt keinen Platz haben. Mit der man sich einmal auslebt, damit man nie wieder solche Fantasien hat, aber die man so sehr verdrängt, dass man nicht einmal mehr an sie denkt.
Ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog.
„Eine Feststellung“, sagte ich ruhig. Und knapp. Denn ich war mir nicht sicher, wie viel ich sagen konnte, ohne zu schreien oder zu heulen zu beginnen.
Er lächelte leicht, als hätte ich ihm recht gegeben.
Ich drehte den Blick wieder zur Decke.
Neben mir begann er schon wieder, sich in seine Ordnung zurückzuschieben.

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