„Und vertrauen Sie immer so sehr Ihrem ersten Eindruck?“
Ich sah ihn an. „Manchmal ja. Gerade bei Kunst. Entweder es spricht mich an oder nicht. Kennen Sie das nicht?“
Er lehnte sich leicht zurück, als hätte ich ihm eine interessantere Frage gestellt als erwartet. „Es spielt keine Rolle, ob ich das kenne. Sondern darum, wie ich mit einem ersten Eindruck umgehe. Ich habe gelernt, ihm nicht zu trauen.“
„Das klingt anstrengend.“
„Es ist vor allem zuverlässig.“
„Zuverlässig ist selten spannend“, sagte ich.
Er lächelte wieder dieses schmale Lächeln. „Spannung wird überschätzt.“
„Nur von Leuten, die vor dem Zufall Angst haben“, erwiderte ich. Und war in diesem Moment sehr stolz auf mich, wie spontan ich eine nichtssagende und gleichzeitig aufgeladene Antwort gefunden hatte.
Für einen Moment war es still zwischen uns. Er merkte scheinbar nicht, dass meine philosophische Tiefe reine Improvisation war. Er trank ruhig aus seinem Glas. Die Bewegungen seiner Finger, wie sie das Glas umfassten, zogen mich in den Bann. Ich habe bis heute nie mehr so sichere und gleichzeitig vorsichtige Bewegungen gesehen. Bräuchte man ein Modell, das ein Weinglas zu heben hat, er wäre die perfekte Wahl.
Während er trank, wirkte es, als sortiere er sich neu. Meine Aussage hatte ihn wohl etwas aus der Bahn geworfen. Es war also für ihn an der Zeit, alles wieder zu ordnen.
Daher begann er zu erzählen, nein, zu berichten. Denn seine Worte hatten Gewicht, auch wenn es um Kleinigkeiten ging. Er sprach von Vorlesungen, von Namen, die ich kannte, weil man sie einfach kannte, von Bildern, die ich vielleicht sogar schon gesehen hatte, ohne sie mir gemerkt zu haben. Und während er sprach, merkte ich, wie präzise er war. Fast zu präzise. Alles hatte seinen Platz, seine Ordnung, seine richtige Bedeutung.
Wert und andere Irrtümer
7 15-24 Minuten 0 Kommentare
Wert und andere Irrtümer
Zugriffe gesamt: 455
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.