Wie immer

6 28-43 Minuten 0 Kommentare
Wie immer

Wie immer

Yupag Chinasky

Doch diese sanfte Atmosphäre hielt nicht lange an. Zwei der Anwesenden gerieten aus nichtigem Anlass in Streit. Es ging um einen letzten Schluck aus der Whiskyflasche, den beide für sich beanspruchten. Das Wortgefecht wurde immer heftiger, die Streithähne schrien immer lauter, schickten sich schon an, aufzustehen und handgreiflich zu werden, da kam dem Präsidenten die rettende Idee. Er rief der Frau etwas zu, was im Geschrei der beiden Kampfhähne fast unterging, aber sie verstand und nickte, deutete aber in Richtung des Weidenkörbchens auf der Kommode. Der Alte nickte beruhigend und bestätigend, nahm dann ein leere Flasche und setzte sie heftig auf den Tisch. Augenblicklich war Ruhe und auch die beiden Schläfer hatten erschrocken die Augen aufgerissen. Sie kämen nun zum Höhepunkt des Abends, verkündete der Präsident und da sei weder Streit noch Schlaf angebracht, alle sollten sich gefälligst zusammenreißen und ruhig sein und aufpassen, damit ihnen nichts entgehe. Die so Verdonnerten schwiegen sofort. Dann machte der Präsident eine galante Verbeugung in Richtung der Frau und gab dem Bandoneonspieler ein Zeichen. Während ganz leise „Besame mucho“ erklingt, steigt die Frau auf den Tisch.
„Küss mich, küss mich so leidenschaftlich, als wäre es heute Nacht das letzte Mal“. Die Frau stampft mit ihren hochhackigen, goldfarbenen Schuhen heftig auf die Tischplatte, stellt sich provokativ in Positur, die Beine parallel, die Hüfte leicht versetzt, den Hintern nach hinten, die Brust nach vorne gereckt, die Arme in die Hüfte, den Kopf hoch erhoben. So verharrt sie endlos lange Augenblicke. Ihr Blick wandert von einem Mann zum andern, alle Sanftheit ist verschwunden, nur noch Leidenschaft, ja geradezu Wut, ist darin enthalten. „Küss mich, küss mich so leidenschaftlich als hätte ich Angst, dich zu verlieren.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 8833

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben