Wilma zeigt ihr Schäfchen

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Wilma zeigt ihr Schäfchen

Wilma zeigt ihr Schäfchen

Anita Isiris

Wie schön das doch war: Ein Brief. Mails, SMS, Twitter und Blog waren doch so vergänglich. Ein physischer Brief aber, in dieser Einsamkeit... welch ein Gefühl! Ein Gefühl der Geborgenheit, der Wärme, ein Gefühl, der Gemeinschaft der Menschen doch nicht ganz entronnen, doch nicht ganz in die Abgeschiedenheit gedrängt worden zu sein.

Wilma sah kurz nach den Kühen und nahm die Abendstimmung in sich auf. Die tiefrote Sonne schien direkt in ihr Herz, und Wilma jauchzte aus tiefster Brust. Sie war glücklich hier oben, wollte das nächste Jahr wieder herkommen, bestimmt. Das feuchte Gras streichelte ihre nackten Füsse, und der warme Abendwind umschmeichelte ihre Beine, die von einem weiten Rock umhüllt waren. Wilma freute sich darauf, die gekauften Lebensmittel auszupacken und zu verräumen, sich mit der Tafel Schokolade an den Schiefertisch zu setzen und das Kuvert zu öffnen. Endlich war sie so weit. Sie setzte sich auf die rissige Holzbank, auf der schon Generationen von Sennen ihre Ärsche gewetzt hatten, und öffnete den Brief. Ihre Augen weiteten sich. Nicht, was sie das las, beunruhigte sie. Wilma kannte die Sagen, die sich ums Sennentuntschi rankten, und amüsiert hatte sie noch eben mitverfolgt, wie eine Tageszeitung zum „Miss Tuntschi Wettbewerb“ aufgerufen hatte. Nicht nur Männer hatten Stoffpuppen gebastelt und dabei ihren Fantasien freien Lauf gelassen, sondern auch Frauen. In regelmässigen Abständen publizierte die besagte Zeitung Zeugen der Volkskreativität, Schätzchen aus Stoff, Sackleinen und Lehm. Bei einigen waren die Brüste überbetont, bei andern die Lippen und das Kopfhaar, das von dichtem Rot bis zu glänzendem Schwarz in allen Nuancen zu sehen war. Alle diese Tuntschis hatten aber eines gemein: Eine dicht bewaldete Vulva nannten sie ihr Eigen, lockendes, sündiges Dreieck, Magnet, Lebenssinn für sexuell ausgehungerte Sennen. Sie alle wollten da hinein, da hinein, da hinein.

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Gedichte auf den Leib geschrieben