Wilma zeigt ihr Schäfchen

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Wilma zeigt ihr Schäfchen

Wilma zeigt ihr Schäfchen

Anita Isiris

Sie wollte mal wieder genommen werden, und zwar hart und leidenschaftlich.

Sie ging nach draussen, wischte den Eingang zum Kuhstall. Die Ziegen waren rasch beisammen; Wilma trieb sie in ihr Gatter. Die Kühe würden draussen nächtigen, direkt gegenüber Bergmonumenten wie dem Stockhorn, dem Niesen und den Silberhörnern.

Wer nur, wer hatte Wilma diesen Brief zukommen lassen? Da waren keine persönlichen Zeilen, kein erklärendes Kärtchen, sondern nur diese Ausschnitte – die zum Teil wohl Wikipedia entstammten. Wilma strich sich durchs Haar – eine Angewohnheit, die sie schon lange hatte – vor allem, wenn sie nachdachte. Sie hatte dickes, braunes, schönes Haar, und sie pflegte es selbst unter den ärmlichen Bedingungen, unter denen sie im Moment lebte. Shampoo hatte sie in Mengen dabei, und sie tauchte ihr Haar in den Brunnen mit dem kristallklaren Bergwasser. Sofort setzten Kopfschmerzen ein, so kalt war es, aber Wilma liess sich nicht beirren. Neben dem Brunnen stand ihr Kulturbeutel, und sie entnahm ihm eine Flasche mit violettem Lavendelshampoo. Sie rieb es sich tief in die Kopfhaut, und von Ferne drank Kuhglockengeläut an ihr Ohr.

Dann sah sie ihn. Im oberen Stockwerk ihrer Scheune gab es zwei Räume. Im einen hatte sie ihr Schlafgemach, ein einfaches Zimmer mit schmalem Bett und Beistelltisch. Der andere Raum war verschlossen. Wilma hatte sich dazu keine Gedanken gemacht – ihr schien es logisch, dass der Besitzer irgendwo in den Gebäuden ein Privatzimmer hatte – warum nicht? Hier wurden meistens Verträge und Grundbücher aufbewahrt – wenn auch nicht unter optimalen Bedingungen. Die Räume waren im Winter feucht und im Sommer überhitzt.

Das Fenster, an dem der Mann stand, gehörte zum Privatzimmer des Amstutzbauern. Er hatte ein edles, ovales Gesicht, grosse Augen und einen sensiblen, schmalen Mund. Wortlos blickte er zu Wilma hinunter, und er beobachtete, wie sie ihr Haar wusch.

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