Die Stimme aus ihrem Traum. Die grosse, schwere Hand. Das ovale Gesicht des Mannes, der am Fenster wegen ihr onaniert hatte. Alles passte zusammen. Wenn wirklich alles zusammen passte, war der Mann aber verschollen. Norbert war Wilmas Schwager. Von einer Harley-Tour im Berner Oberland war er nicht mehr zurückgekehrt. Über schmale Bergstrassen war die kleine Truppe nach Interlaken gedonnert, und da war Norbert einfach verschwunden – mitten aus der Truppe der Motorrad-Crew heraus. Alle waren damals überzeugt gewesen, er sei eine der zahlreichen Böschungen hinuntergerast – aber das hätte doch in einem Feuerball – oder zumindest in einem Getöse und Geschepper – geendet? Man hatte ihm ein Holzkreuz hingestellt, oben an der Strasse, und ein paar Rosen dazu gelegt. Ein Polizeitrupp hatte die Gedenkstätte allerdings einen Tag später wieder geräumt, der gefährlichen Lage wegen.
Norbert. Wilma war jetzt überzeugt dass es Norbert gewesen war, der sie beim Haarewaschen beobachtet und nachts in ihrem Traum besucht hatte. Der leidenschaftliche Norbert, um den alle ihre Schwester beneidet hatten. Bis heute war sie über den Verlust nicht hinweg gekommen und hoffte noch immer, er würde eines Nachts an ihre Tür klopfen oder, noch besser, einfach eintreten. Norbert war nicht nur ein ausgezeichneter Drummer gewesen, sondern auch ein guter Koch und ein exzellenter Lover, wie Wilma den Andeutungen ihrer Schwester Andrea entnommen hatte. „Fünfzehn Jahre kennen wir uns jetzt schon und ich bin noch immer heiß auf ihn“, hatte Andrea erst vor wenigen Monaten der ganzen Familie verraten, als sie an einem Sonntag zur traditionellen Berner Platte, einem schmackhaften Gericht aus Dörrbohnen, Kartoffeln, Speck und Wurst, zusammengesessen waren. Dem Vater war eine Dörrbohne im Hals stecken geblieben, und Mutter schneuzte sich lautstark, als könnte sie Andreas skandalöse Aussage damit ungehört machen.
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