Sie schüttelt sich entsetzt, sieht ihn an und meint, als er sich angesichts ihres Entsetzens amüsiert gibt, er sei doch nicht, Gott bewahre, schwul. Ob er also ein Frau habe und Kinder und wie alt sie seien, die Frau, die Kinder und er selbst und wann er Geburtstag habe, in welchem Sternzeichen er geboren sei. Er antwortet etwas zögerlich, will nicht alles über sich Preis geben, ihre Neugier nicht zu sehr befriedigen, andererseits will er auch nicht unhöflich oder undankbar sein. Während sie sorgsam die Stacheln aus seiner Kleidung zieht, will sie wissen, was er von Beruf ist, ob er viel Geld verdiene und ob es in seinem Land, - Deutschland West oder Deutschland Ost -, kalt sei und ob es gerade Winter sei und wie es sei, mit dem Schnee. Hier, sagt sie, ohne seine Antwort abzuwarten, hier sei es gar nicht so schlimm mit der Kälte, auch nicht im Winter, nur wenn der Wind heftig weht, würde man sie spüren, aber sogar an den verdammten Wind könne man sich gewöhnen.
Sie ist mit den Reinigungsarbeiten fast fertig und wechselt wieder ganz unvermittelt das Thema. Nun fragt sie ihn, ob er an Gott und an die Jungfrau Maria glaube oder ob er ein Mennonit sei und ob er meine, dass er in den Himmel komme. Sie, und damit sagt sie zum ersten Mal etwas über sich selbst, sie komme bestimmt nicht in den Himmel, bei all den Sünden, die sie begehen würde. Das habe jedenfalls der Priester zu ihr gesagt, früher, als sie noch in die Kirche ging. Sie käme nicht in den Himmel, weil sie von ihren Sünden nicht lassen würde, obwohl es gar nichts mehr zu sündigen gäbe. Wieder ertönt ihr raues, kehliges Lachen. Er weiß nicht, ob er ihr sagen soll, dass er gar nichts glaube, zieht es aber vor, nur etwas Unbestimmtes zu murmeln, um sich ihre Sympathie nicht zu verscherzen. Er hat ja keine Ahnung, was sie hören will, aber wegen einer dummen Antwort das gemütliche Heim zu verlassen, das will er nicht riskieren.
Wind 1
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Wind 1
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