Er solle sich, wenn er mit dem Wasser fertig sei, schon mal ausziehen. Wenn sie zurück sei, sie brauche nicht lange, nur Pipi, würde sie das Badewasser mit kaltem Wasser richtig temperieren, wie in einem Grand Hotel, das müsse er nicht machen, das könne sie besser.
Während sie durch die Hintertür verschwindet, fühlt er sich schon wieder überrumpelt. Traut sie ihm nicht einmal zu, das Badewasser richtig zu temperieren? Kann sie nicht wenigstens seine Antwort abwarten, ob er die Nacht im Grand Hotel verbringen will oder tatsächlich ein Bad vor dem Essen nehmen möchte? Diese Frau neigt dazu, die Leute zu bevormunden. Kein Wunder, dass sie keinen neuen Mann gefunden hat und ihr Leben quasi als Dorfnutte fristen muss. Andererseits hat sie ja durchaus recht. Hier in ihrem Haus ist es gemütlich, richtiggehend behaglich. Er nimmt die Behaglichkeit doppelt wahr, seit er gespürt hat, welche Naturgewalten in dieser Gegend herrschen können. Doch es ist nicht nur der Wunsch nach Geborgenheit und relativem Komfort, der ihn wohlwollend über ihr Angebot nachdenken lässt, es ist da noch ein Gefühl, eines, das er schon lange nicht mehr gespürt hat, ein Kribbeln in seinem Bauch, das sich bis in die noch tieferen Regionen hin ausbreitet. Dieses Gefühl ist eindeutig mehr, als nur reine Sympathie für diese praktische, entschlossene, wenn auch etwas bevormundende Frau, die ihn so spontan eingeladen hat, bei ihr zu bleiben und das Badewasser, das Sonntagshuhn und vielleicht sogar das Bett zu teilen. Es ist der Wunsch, mit ihr zusammen zu sein, sie zu berühren, zu umarmen, zu küssen, mit ihr zu schlafen. Warum eigentlich nicht? Er ist doch ein Mann, der etwas empfindet, wenn er eine attraktive Frau sieht. Warum eigentlich nicht, sinniert er, jetzt gleich oder heute Nacht. Und was heißt da schon Dorfnutte. Er schämt sich fast für seine Gedanken. Diese Frau hat es nicht leicht. Jeder muss zusehen, wie er zurecht kommt. Während er das heiße Wasser einfüllt und darauf wartet, dass die Chefin des Etablissements zurückkommt, kann er sich nichts schöneres vorstellen, als mit dieser Frau die Nacht zu verbringen.
Wind 1
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