Mag sein, dass ihre Resignation schon zu groß ist, mag sein, dass sie nach dem Rotwein und dem wilden Fotografieren nun auch zu müde ist. Sie lässt jedenfalls von ihm ab, legt sich neben ihn und kurz darauf ist sie eingeschlafen.
Er hat natürlich schon wieder oder immer noch ein schlechtes Gewissen, fühlt sich als Spielverderber und Versager, als seniler Greis oder impotente Schwuchtel, jedenfalls als einer, der eine Frau nicht mehr befriedigen kann. Aber mehr noch als diese Schmach, treibt ihn die Versagensangst vor dem nächsten Mal um. Ihm wird schlecht bei der Aussicht, dass das ganze Spiel am nächsten Morgen noch einmal stattfinden könnte. Als er nun zur Ruhe kommt, schlägt sich die Angst auf Magen und Darm und es fängt in ihm an zu brodeln und zu rumoren. Solche psychosomatischen Effekte auf den Verdauungstrakt sollen ja alles andere als selten sein, hat er einmal gelesen. Doch dass sie so rasch, so heftig werden können, hätte er nicht gedacht. Da fällt ihm ein, dass ihn eigentlich schon die ganze Zeit eine leicht Unpässlichkeit geplagt hat. Schon während des Herumalberns und des Fotografierens hatte er gespürt, wie es in seinem Bauch grummelte, das Gefühl aber erfolgreich verdrängt. Sind die immer heftiger werdenden Konvulsionen doch auf das Essen zurückzuführen? War es das Huhn oder war es die unsägliche, beschissene Zabaione aus rohen Eiern, die er besser verschmäht hätte und die ihm sowieso nicht geschmeckt hatte. Rohe Eier denkt er, na klar, ich Idiot.. Er muss ganz dringend das Separée neben dem Hühnerstall aufsuchen. Das Huhn fliegt mit Radau durch seine Gedärme und will raus, raus aus dem mit Rotwein geschwängerten, durch die Zabaione versauten Gefängnis, egal, ob oben oder unten. Er steht eilends auf, sucht die Taschenlampe, schlüpft in die Hose und die Schuhe, streift den Pulli über und zieht, bereits im Freien, den Parka über.
Wind 2
12 31-48 Minuten 1 Kommentar
Wind 2
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schreibt Amanda69