Aber sie sieht nicht danach aus, im Gegenteil, er fragt sich, als er ihr ziemlich finsteres Gesicht sieht, wie das alles am vergangenen Tag geschehen konnte. Sie frühstücken schweigend zu Ende, wie zwei Fremde, die zufällig am selben Frühstückstisch in einem Hotel sitzen. Und das sind sie sich ja auch, Fremde, denkt er. Dann sitzen sie noch ein Weilchen unschlüssig und verlegen herum, bis er meint, dass es nun tatsächlich spät und an der Zeit sei, zu gehen. Sie nickt nur, versucht ihn auch jetzt nicht, zu halten oder zu irgend etwas zu ermuntern. Sie fragt nicht einmal, ob er ihr ein paar Bilder schicken könnte, Bilder für die sie so fantastisch posiert hatte und von denen sie bestimmt gerne Abzüge hätte. Sie nennt weder ihre Adresse, noch fragt sie nach seiner. Verwirrt, irritiert und enttäuscht über diese kühle Distanziertheit, immerhin sind es ja erst ein paar Stunden her, seit sie es heiß und emotionsgeladen miteinander getrieben hatten, bietet auch er nichts dergleichen an. Dafür bietet er ihr etwas anderes an. Er holt aus seiner Hosentasche ein paar Geldscheine, eine Summe, die er im Schlafzimmer vorbereitet hatte und für angemessen hält, angemessen für die all-inclusive Nacht im Grand Hotel, auch ein Ergebnis seines nächtlichen Grübelns und gibt sie ihr. Kommentarlos und selbstverständlich, ohne sich zu bedanken, legt sie das Geld auf den Tisch und beschwert es mit der Kaffeetasse. Erst ein paar Tage später, als er aus seiner Bauchtasche, dem Vorratsbehälter für größere Geldscheine, etwas entnahm, sollte er merken, dass ein paar Scheine fehlten. Geld, das nur diese Frau entwendet haben konnte, nachts, als er endlich eingeschlafen war oder morgens, bevor sie Kaffee kochte. Er ärgerte sich nur kurz, der Verlust war für ihn nicht groß, für sie, für diese Nutte, wie er kurz und grimmig dachte, aber ansehnlich. Dann dachte er aber auch an die Samariterin und wie froh er war, dass sie ihm geholfen hatte und dass er ihr eigentlich viel zu wenig gegeben hatte, weil diese Hilfe alles andere als selbstverständlich gewesen war. Nein, durch diese Kleinigkeit, würde er sich seine Erinnerungen nicht trüben lassen. Auch bei dem zweiten Verlust, den er erst bemerkte, als sich Bedarf ergab, reagierte er gelassen. Er hatte die Kondome und die blauen Pillen im Schlafzimmer liegen lassen.
Aber diese Gedanken bewegen ihn noch nicht, als er ihr im Türrahmen zum Abschied Küsschen auf die Wangen gibt. Er murmelt ein paar Abschiedsfloskeln, sie antwortet genauso emotionslos. Der Hund ist ebenfalls erschienen. Er gähnt und wedelt freundlich mit dem Schwanz, erst als er mit dem Auto langsam auf die Straße rollt, bellt er und zerrt an seiner Kette. Die Frau steht immer noch in der Tür und winkt. Sie sieht genauso aus, wie am Tag vorher, als er sie um Einlass und um Wasser bat. Nur das Wetter ist besser. Die Sonne scheint, ein paar unschuldige Wolken zeigen sich am Himmel, der Wind hat sich fast völlig gelegt. Ein schöner Tag liegt vor ihm.
Diese Erzählung ist als print on demand book und e-book unter dem Titel "Yupag Chinasky - Verirrungen" bei www.epubli.de erschienen und kann im Internet auch bei anderen Anbietern bezogen werden.
Wind 2
12 31-48 Minuten 1 Kommentar
Wind 2
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schreibt Amanda69