Und auch wenn sie sich selbst einflüsterte, dass so etwas eigentlich nicht zu ihrem Charakter passte, dass sie immer bedacht, immer vernünftig gewesen war – ein Teil von ihr konnte es kaum erwarten, genau das Gegenteil zu sein.
Mit einer Bewegung, die rascher war, als sie es beabsichtigt hatte, drückte sie die Klinke hinab.
Der Raum roch nach einer Mischung aus Leder und etwas Süßlichem, das schwer zu fassen war – nicht Parfüm, eher eine Atmosphäre, die im Material selbst steckte. Gedämpftes Licht fiel auf Möbel, die fast zu kunstvoll wirkten, um nur Shoprequisiten zu sein. Ein schmaler Tresen, eine Vitrine, Kleiderständer, die nicht überladen waren, sondern sorgfältig inszeniert. Wie ein Salon, dachte sie. Kein Geschäft, das zum hektischen Kaufen einlud, sondern ein Ort, der zelebrieren wollte. Aber sie konnte schon klar sehen, was hier verkauft wurde – Kleider. Kleider, die dem entsprachen, was man wohl in der Welt von Wolf als passend erachtete.
Ein Verkäufer trat wie aus dem Hintergrund hervor, höflich, tadellos gekleidet, seine Stimme leise und doch unaufdringlich präsent. Nichts in seiner Art hatte etwas Anrüchiges. Im Gegenteil, er erinnerte sie an einen kunstaffinen Galeristen, der seine Objekte mit stillem Stolz hütet.
„Darf ich Ihnen etwas zeigen?“, fragte er, und da sie unsicher lächelte, führte er sie ohne Hast an eine Garderobe. Ein Kleid aus schwarzem Lack, ein Mieder aus Leder, Handschuhe daneben. Stücke, die in ihrem Alltag grotesk gewirkt hätten, hier jedoch von einer stillen Würde durchdrungen waren.
Zögernd zog sie einen Rock über. Er schmiegte sich kühler an die Haut, als sie erwartet hatte. Vor dem Spiegel blieb sie stehen – und musste zweimal hinschauen. Das Gesicht war ihres. Doch die Frau, die sie dort ansah, strahlte eine Strenge, eine Distanziertheit aus, die sie an sich selbst noch nie gesehen hatte.
Wolf: Eintritt ins Rudel
8 12-20 Minuten 0 Kommentare
Wolf: Eintritt ins Rudel
Zugriffe gesamt: 422
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.