Zeltfest

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Zeltfest

Zeltfest

Britta Zeiler

Vor einigen Tagen saß ich auf unserem Balkon in der Sonne und ließ in Gedanken an den letzten Sommer den Blick schweifen. Da bemerkte ich den zusammengeklappten Campingstuhl, mit blau-weiß gestreiftem Stoff überzogen, der sorglos in der Ecke lehnte. Was gäbe es Langweiligeres als einen halbverrosteten Sessel, wenn mir nicht plötzlich wieder gekommen wäre, wem ich dieses unhandliche Urlaubssouvenier zu verdanken hatte. Einem Mann um die 40, mit dunklem Wuschelkopf und Schnurrbart. Er nuckelte unentwegt an einer Zigarette im Mundwinkel, zeigte dabei seine Zähne und grinste. Ein witziger Clown, hatte ich gleich beim ersten Blick gedacht. Und richtig: er sollte uns noch unterhalten.An seiner Seite hatte er eine unauffällige, schweigsame Begleiterin. Gemeinsam gaben sie ein etwas komisches Bild: Seine Hautfarbe und seine dunklen, sinnlichen Augen deuteten auf arabische Herkunft; da war Feuer im Blut! Sie, vielleicht etwas jünger, mit strähnig blondem Haar und von der Sonne gerötet, erinnerte, (zugegeben wenig schmeichelhaft) hingegen eher an eine lahme, nordische Vogelscheuche. Ein ideales Paar.
Wir verbrachten einige Tage am selben spanischen Campingplatz, hatten unsere Zelte vis-à-vis aufgeschlagen. Wir lebten einträchtig nebeneinander und genossen die Ruhe, nachdem sich der Levante gelegt hatte. Wir verständigten uns mehr oder weniger nur mit Gesten, da er kein Englisch, ich nur mehr dürftig Französisch sprach. Es gab auch wirklich nicht so viel zu besprechen. Alles war sehr einfach. Man kennt das ja. Der Campingplatzalltag verbindet: Früh sieht man sich im Pyjama aus dem Zelt krabbeln, mit zerdrückten Haaren und verschwollenen Augen, grüßt verstohlen. Trabt hintereinander, in etwas Abstand, Richtung Toilette. "Schönes Wetter heut, nicht wahr?" "Ja, wunderbar!" "Na, das ist wieder 'ne Schlange. Das tu' ich mir jetzt nicht an!" "Bis gleich!" Landsleute trifft man auch überall. Es amüsierte mich jedesmal, dem Wuschelkopf zuzuschauen. Zum Beispiel mittags, wenn alles in den Schatten oder ins Wasser flüchtete, er aber gewichtig, mit großen Schritten, den Platz vor seinem Zwei-Mann-Zelt abmaß, gleichsam sein Revier abschritt.
Als er, der nette Nachbar, mir zum Abschied eben diesen Klappsessel vermachte, legte er mir die Hand nur stumm auf die Schulter und nickte mir aufmunternd zu. Der Stuhl war um einiges zu groß für den Kofferraum seines kleinen Autos. Schlafsäcke, Matten, Campinggeschirr und allerlei Krimskrams schienen in den letzten Tagen zugenommen zu haben. Seine Begleiterin hatte alles Stück für Stück aus dem Zelt gehievt und wirr durcheinander ins Auto geworfen, gerade so, wie es ihr untergekommen war. Er hatte versonnen das Zelt abgebaut, dabei selbstzufrieden ein Liedchen gepfiffen. Einen alten Gassenhauer: "Chanson d'amour, yu pi dou..." Zum Schluss hatte er den Sessel ächzend zusammengeklappt, sie hatte nur den Kopf geschüttelt: Unmöglich! Rien ne va plus! Ihr Urlaub war ohnedies zu Ende. Tja, immer wenn's am schönsten ist. – Ich bedankte mich höflich für den Stuhl, auf dem ich nun die lauen Abende würde genießen können. Müde schaute sie aus und irgendwie froh über die Abreise. Sie schwebte förmlich, der Welt entrückt. Und es fiel auf, dass sie den direkten Augenkontakt mit uns und den übrigen Nachbarn vermied. Eins jedenfalls war an diesem Morgen allen im Umkreis von 10 Zelten klar: sie war in der vorangegangenen Nacht vollkommen befriedigt worden.
Dies konnte keinem der unmittelbaren Zeltnachbarn entgangen sein. Selbst beiläufig vorbeispazierende Pärchen hatten auf ihrem abendlichen Campingplatzrundgang innegehalten und gelauscht. Anfangs hätte man noch naiv meinen können, die seltsamen Geräusche kämen von einem Tier, einer Katze vielleicht, oder einem Baby, das wimmerte. Aber nein, unser Paar nützte das Dunkel und die Anonymität der Nacht. Ihrer letzten Nacht auf diesem Campingplatz in Tarifa. Was aus dem Zeltinneren drang, wurde immer eindeutiger als Frauenstimme erkennbar. Als Stimme einer, die ihr Frau-sein genoss, die verwöhnt wurde, von einem Mann. Die Zeltwände begannen unter den weiblichen Schwingungen leicht zu vibrieren. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie sie hineingeschlüpft waren. Plötzlich waren sie verschwunden gewesen; nur noch ihr kleiner französischer Pudel kaute genüßlich an Grillresten. Und da stand auch nämlicher Sessel, geduldig. Das Herrchen würde sich wohl bald erleichtert auf ihn fallen lassen, die Füße ausstrecken und sein Zigarettchen danach genießen.
Spaß hatte sie, und keinerlei Skrupel, hemmungslos zu sein. Und laut. Warum auch? Es kannte sie niemand und in wenigen Stunden waren sie ja weg. Und lauter. Das anfangs heitere Glucksen wurde hingebungsvoller, ging in flehentliches Seufzen über, das wellenartig an- und abschwoll. Wurde immer lauter. Dann, nach tiefem Ächzen, überraschend: - Stille. Na also, etwas abrupt zwar, aber bitte. Es ging mich ja auch nichts an. Nein, ich hatte natürlich nichts gehört, nichts vermutet. Ich stand auf, packte den Geschirrstapel und machte mich zur Abwasch auf. Froh, dass die Vorstellung ein Ende hatte. Schließlich hatte sie begonnen, mir im überwiegend männlichen Umfeld unangenehm zu werden. Ich war genau auf Zelthöhe, ca. zwei Meter entfernt, da setzte das weibliche Stöhnen unvermittelt wieder ein, noch lauter als zuvor. Und tiefer. Ich drehte mich am Sandalenabsatz um, beeilte mich zurück zu unserem Zelt. Ich hatte bestimmt etwas Dringendes vergessen.
Die pubertierenden Burschen am Nachbartisch machten sich lustig und heizten sie an, pfiffen und grunzten unverhohlen. Immer durchdringender und fordernder wurden ihre Schreie: "Ah, oui!" – "Oui!" – Ja. – "O-u-i" - - . Mir stieg es heiß auf, ich spürte meine Wangen in der Dunkelheit, glühend rot. "OUI!" Irgendwo schnalzten Männer mit der Zunge. Der Campingstuhl ruckte schon in Erwartung hin und her. "Oui!" – Komm, Schnauzbärtchen! – "Vien!" – Komm schon, bitte! – "O-U-I!!!" – Ich halt's nicht mehr aus! – "JE VIENS!" – Sie schrie: "MON DIEU!" Kreischte und – lachte! Lachte lauthals, befreit, aus ihrem Innersten heraus. Die Burschen waren paff: Das hatten sie nicht erwartet. Und sie wunderten sich ungeniert, ob das normal sei? Erst jetzt kam ein dumpfes, männliches Brummen, das sich an ihre gelöste Heiterkeit anschmiegte. Ich atmete tief durch, starrte auf meine Zehen. Musste grinsen, mir selbst das Lachen verbeißen.
Dann kehrte mit einem Schlag wieder Ruhe ein. Die Halbstarken von nebenan kippten ihr Bier im Stehen, räusperten sich auffallend laut zur Guten Nacht und verkrümelten sich zu ihren schlafenden Geschwistern. Die Spaziergänger trotteten vergnügt weiter und mich hielt endlich nichts mehr vom Geschirrwaschen ab.
Nach ca. 20 Minuten kam ich wieder, sah von fern schon seine Füße, ausgestreckt, leicht wippen. Er lehnte sich im Sessel zurück, hielt die Augen geschlossen, rauchte genüßlich und lächelte, unmißverständlich.
Am Morgen gingen sie schweigsam ab.

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