Zombie-Fick

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Zombie-Fick

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Claudia Carl

Schon immer tat es mir leid, dass Urs schwul war. Vor allem seit ich mit ihm in einem Büro saß.

Vorher hatte er immer an einem Fensterplatz im Großraumbüro gesessen und unscheinbar gewirkt. Da war er noch Aushilfskraft. Das Einzige, was mir schon damals aufgefallen war, war, dass er immer von jungen Kolleginnen umgeben war. Mit ihnen ging er zum Mittagessen in die Kantine und zum Kaffeechen in die Sonne am Nachmittag. Ihn selbst schätzte ich auf Mitte 40.

Als er dann in meinem Büro mit mir und einem weiteren Kollegen Platz nahm, bestätigte sich seine Anziehungskraft auf junge Kolleginnen. Täglich kamen mehrere an unsere Zimmertür, ein kleines Dreierbüro, und lächelten Urs an. „Magst du ein Wasser?“ fragten sie, wenn sie nach vorne zum Wasserspender gingen. Er bejahte oft lächelnd. Oder er sagte, gerade nicht, aber später ein Käffchen. Ich machte vorsichtige Scherze darüber, denn irgendwie erschien mir Urs sensibel. „Mädels umschwirren dich wie Motten das Licht“ sagte ich etwa oder „Wie machst du das bloß, dass alle Damen dich bedienen?“ Er saß dann nur gutaussehend in seiner Ecke am Fenster und lächelte süffisant. Mehrere Praktikantinnen und Aushilfsmädels hatte ich im Verdacht, etwas mit ihm zu haben. Etwa Chrissie, die seit sie bei uns arbeitete, immer dürrer wurde. Ein Fall von Magersucht. Oder aber Verliebtheit in Urs. Nach der Frequenz ihres Auftauchens an unserer Bürotür zu urteilen und nach dem sehr vertraut klingenden Tonfall sowie diversen Andeutungen auf gemeinsam verbrachte Abende war sie hochgradig verdächtig. Doch auch andere Blondies kamen in Betracht. Sogar Frieda, die sicher schon Ende 30 war. Aber ihr schmachtender Blick und ihre Angebote (Magst du etwas aus dem Bistro? Gehst mit in die Sonne?) waren doch wirklich eindeutig. Sie hätte ihn nicht von der Bettkante geschmissen.

Ich auch nicht. Aber ich war natürlich viel zu alt für ihn. Trotzdem begann ich hin und wieder ein wenig in seine Richtung zu flirten. Dass es ja kein Wunder sei mit all den jungen Mädels, wo er doch Brad Pitt ähnlichsehe. Dass er heute wieder so gut aussehe in seinem lässigen Zwirn und eben einfach Geschmack habe. Dass ich ja leider nicht zum Zug käme bei der ganzen Konkurrenz aus allen Büroetagen.

Er flirtete durchaus zurück, bildete ich mir ein. Ein paar angehauchte Komplimente, ein paar Anzüglichkeiten – es dauerte nicht lange und ich war auch eine seiner Verehrerinnen. Ja, doch, er hatte was. Obwohl er eigentlich nicht meinem Traumtyp, dem fiesen Egoisten, entsprach, war er doch begehrenswert. Vielleicht gerade deshalb. Er sah ja männlich aus, aber immer sehr gepflegt, und ein bisschen abgedriftet. Sein Aussehen allein hätte es nicht gemacht, aber seine Sprache, sein süffisantes Grinsen, bei dem man nie so ganz genau wusste, ob er es ernst meinte oder nicht. Das hatte einen Reiz.

Unsere etwa zweijährige Mini-Flirtbeziehung wurde rabiat unterbrochen von der Corona Krise und dem Homeoffice Gebot. Ich hasste es anfangs, den ganzen Tag in meiner Wohnung zu verbringen. Da es immer noch erlaubt war, ins Büro zu gehen, tat ich das auch noch in den ersten Monaten. Im April 2020 etwa war ich vermutlich ganz alleine in einem Bürohochhaus für 2000 Menschen. Peu a peu kamen weitere Kollegen, auf der Flucht vor den heimischen Wänden. So etwa ließ sich irgendwann unser Dritter im Bunde im Büro, Manuel, wieder blicken. Obwohl es von oberster Stelle verboten war, in einem Zimmer zu zweit zu sitzen, taten wir es trotzdem. Ein geheimes Einverständnis ohne Worte, dass wir den ganzen Schmarrn nicht so ernst nehmen. Nur dass Manuel immer seine Maske aufsetzte, wenn er nur drei Schritte tat, war idiotisch. Er war einer derjenigen, über die ich mich nach und nach immer mehr wunderte.

Wir waren doch in dieser Firma eigentlich alle intelligente Menschen, und kritische Denker sowieso. Doch immer mehr von den für normal gehaltenen Kollegen zeigten seltsame Ausfallerscheinungen. Tim vom Zimmer nebenan etwa betrat ebenfalls nur mit Maske unser Zimmer, auch wenn er nur die Post ablegen wollte. Ein falscher Film.

Inzwischen, fast ein Jahr später, meide ich das Bürohaus regelrecht, weil dort immer mehr Maskenfetischisten herumrennen. Nachdem mich sogar der Pförtner vor ein paar Wochen anpflaumte, ich dürfe nicht ohne Maske das Haus betreten und mich verfolgte – wozu er hinter seiner seltsamen Scheibe hervorkam, ohne Maske, und mich ja wohl nach seiner Weltsicht in Lebensgefahr brachte – gehe ich nur noch an Feiertagen ins Haus, wenn wirklich niemand da ist. Dann genieße ich es mal wieder, mich an einen richtigen Schreibtisch zu setzen, einen großen Bildschirm zu haben, einen professionellen Kopierer, eine Teeküche, Getränkeautomaten im Foyer, Blöcke und Stifte und Kalender zum Mitnehmen – all das, was man jahrzehntelang für selbstverständlich gehalten hat.

Eines Tages, als Manuel und ich gemütlich zusammen im Zimmer saßen, kam Urs vorbei. Ich freute mich sehr, endlich waren wir drei einmal wieder vereint, wir plauderten ein wenig, zum Flirten war keine Zeit, denn Urs wollte nur ein Buch von seinem Schreibtisch holen.

Am nächsten Tag bekam ich eine Email von meinem Chef. Wieso wir zu zweit in einem Zimmer säßen, das sei doch verboten.

Urs, die Petze!

Sofort schrieb ich ihm eine Email, ob er das weitergegeben habe. Das musste ich tun, damit sich mein Hass nicht ins Unermessliche steigerte. Jaaaaa, schrieb er zurück, das habe er so nebenbei erwähnt….

Meine gewisse Sehnsucht blieb trotzdem erhalten, eine Art innige Sympathie für ihn, mit Hoffnung auf mehr. Obwohl mir inzwischen schon seit Längerem dämmerte, dass er schwul war.

Er sagte das nie, auch nicht, wenn mal das Thema darauf kam. Er sprach auch nicht von einem Partner. Er fuhr öfters nach Berlin, vielleicht hatte er dort was laufen. Und seit seinem Petzen beim Chef dämmerte mir auch, dass er Angst hatte vor Corona.

Ich habe ein paar schwule Freunde, vielleicht eine Handvoll. Allesamt haben mega Muffe vor dem Virus. Ja, ich kenne auch Heteros, auf die das zutrifft, ich will ja hier nicht schwulenfeindlich klingen. Aber irgendwie ist da so ein Bauchgefühl, dass die C-Angst in schwulen Kreisen besonders verbreitet ist. Vielleicht liegt es daran, dass sie seit den 1980er Jahren auf Aids-Angst geeicht sind. Das ist ja auch so eine Krankheit, die man angeblich haben kann, ohne es zu merken. Erst ein Test erweist, ob man infiziert ist oder nicht. Auffällige Ähnlichkeit zu Corona. Insofern wundern die Schwulen sich wohl auch besonders wenig über die angebliche symptomlose Infektion, an die ich einfach nicht glauben kann. Einfach aus meinem gesunden Menschenverstand heraus, aus meinen Erfahrungen, aus meinem Bauchgefühl. Wer keine Symptome hat, ist erstmal gesund. Klar, ein Tumor kann irgendwo am Wachsen sein, die Leberzirrhose fortgeschritten, die Blutbahnen verstopft. Aber eine symptomlose Atemwegserkrankung, in anderen Worten Schnupfen ohne laufende Nase und so weiter, Entschuldigung, aber das ist einfach nur Schmarrn. Es ist so wahr wie dass der Weihnachtsmann durch den Schornstein kommt.

Im Frühling 2021 kam dann das Impf-Wunder. Und auch das gestaltete sich für mich als ein Riesenwunder, was meine Kollegen betrifft. Alle aber auch alle waren Anhänger des Glaubens, dass durch diese Spritze das böse Corona vertrieben werde und dass das einfach notwendig sei. Man will ja auch wieder reisen. An einen Strand jetten. Urs gehörte natürlich auch zu dieser Gruppe. Klar, er hatte ja auch, als ich einmal im Büro sagte: „Davon profitiert nur wieder die Pharmaindustrie mit Impfstoffen“ gleich ausgerufen: „Verschwörungstheorie!“

Schon in dem Moment hätte er eigentlich verloren. Wenn er nicht so schnuckelig gewesen wäre.

An einem Vormittag im März, wir Kollegen in der Videobesprechung, kam die große Offenbarung. Der Erste bekannte, dass er bald geimpft werde. Das durfte er, da seine Frau Erzieherin war und auch – sogar am Tag dieser Besprechung - geimpft wurde. Oder so ähnlich.

Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Ich machte mir Sorgen um die Frau des Kollegen und um ihn. Ich sah all die Videos und Statistiken von Nebenwirkungen und Todesfällen vor mir. Die am ganzen Körper zitternden jungen Pflegekräfte, die sich hatten impfen lassen. Den verstorbenen jungen Arzt in Florida, den in Brasilien, die Krankenschwester in Tennessee. Ich dachte an die Berichte über die nach der Impfung reihenweise verstorbenen Senioren in den Heimen, laut Behörden „traurige Zufälle“. An den Altenpfleger aus einem Berliner Heim, der erzählt hatte, wie schrecklich diese Menschen sterben, sie zittern am ganzen Leib und haben schreckgeweitete Augen. Dabei sterben alte Menschen oft in Frieden, wenn sie loslassen können und den natürlichen Gang der Dinge akzeptieren. Diese aber, so hatte der Altenpfleger beobachtet, spürten, dass es nicht der natürliche Tod war, sondern das Gift in ihrem Körper.

Am nächsten Sonntag ging ich in wieder ins Bürohaus, ich wollte meinen alten Schreibtisch ausräumen, falls wir demnächst nur noch mit Schnelltest ins Haus dürften. Denn dann würde ich es nicht mehr betreten.

Auch an diesem Sonntag war es total leer. Ein Pförtner saß hinter seiner Scheibe, ohne Maske. Ich setzte meine Fake Maske mit reichlich Luftlöchern kurz auf, als ich durchs Foyer ging. Nicht nochmal so eine Verfolgung riskieren. Am Lift zog ich sie sofort aus.

Oben in unserer Etage war ebenfalls alles leer. All die Einzel- und Dreierbüros, die immer voller Leben gewesen waren. Ich ging zu unserem Zimmerchen.

An seinem Platz saß Urs.

Ich zögerte zunächst, ging dann aber doch rein. Ohne Maske.

„Hey“, sagte ich. „Was machst du denn hier?“

Er schaute mich irgendwie komisch an. Seine braunen Augen hatten einen ganz merkwürdigen Ausdruck, den ich noch nie bei ihm gesehen hatte. Gleichzeitig ließ er seinen Blick über meine Figur streifen, lüstern.

Lüstern?

Das musste ich mir einbilden, dachte ich und setzte mich an meinen Tisch. Ich wunderte mich, dass auch er keine Maske trug und mich nicht darauf aufmerksam machte. Er hatte eine aufgedrehte Ausstrahlung.
Ich setzte mich auf meinen Drehstuhl, öffnete die Schreibtischschublade und fing an, meine in vielen Jahren angesammelten Dinge zu sortieren. Nagellack und Halstabletten, Deo Roller und Mundspülung, stapelweise Visitenkarten von Geschäftspartnern, Teebeutel, Lippenstifte.

Plötzlich stand Urs neben mir.

Ich schaute verwirrt auf. Sein Abstand zu mir war eher 1,5 Zentimeter als 1,5 Meter.

„Was ist los? Willst du später wieder beim Chef petzen, dass ich keinen Abstand gehalten habe?“

Er grinste mich seltsam an.

„Ich bin geimpft!“ sagte er und grinste dabei wie ein Honigkuchenpferd zu Weihnachten.

„Ach….“ Was anderes fiel mir nicht ein. Dann musste ich aber doch nachfragen. „Wie kann das sein? Du bist doch noch nicht dran?“ Schließlich gab es doch diese unsägliche Impfreihenfolge.

„Mein Freund ist Arzt.“

Ich schaute ihm ins Gesicht. Es war seltsam rotfleckig. Auch am Hals hatte er roten Ausschlag, sah aus wie Neurodermitis. Aber am auffälligsten waren seine Augen. Die waren wässrig und blutunterlaufen und sein Grinsen so nah vor mir wirkte wie das Zähnefletschen eines Wolfes. Auch seine schönen braunen Haare waren anders, gräulich. Auch seine gesamte Haut war farblos. Sie wirkte wie ausgesaugt, von einem Vampir leergetrunken. Aus seinen Pupillen stach ein Funke hervor.

„Wir sind hier ganz allein“, wisperte Urs jetzt, tatsächlich lüstern. Er legte seine Arme um mich und seine Funkenaugen kamen noch dichter, während sich sein Wolfsgebiss meinem Mund näherte. Ehe ich mich versah, waren seine Lippen auf meinen und er küsste mich wie ein Wahnsinniger, wobei er mich rückwärts auf meinen Schreibtisch legte und sich auf mich sinken ließ. Seiner Zunge wühlte in meinem Mund herum, sein Atem roch modrig und in meinem Gehirn ging es rund. War das wirklich der feingeistige Urs aus meinem Büro? Der schwule Urs? Der liebe zurückhaltende Urs, der höchstens mal ein süßes Kompliment machte? Das hier war ein Wahnsinniger, der einen Sexanfall hatte. Doch ich wehrte mich nicht, weil ich es irgendwie auch spannend fand. Und wenn einen schon mal der jahrelang Begehrte vergewaltigt, dann ist das doch nicht schlecht.

Ich ließ ihn also weitermachen, in einem Affenzahn. Er riss seinen Reißverschluss runter und holte einen prallen roten Schwanz raus. Auch der hatte merkwürdigen Ausschlag, den wollte ich nicht so einfach in mir haben. Wobei ich doch in meiner Schreibtischschublade auch noch Kondome gesehen hatte, die müsste ich noch schnell herausfischen. Oder ich verhinderte einfach, dass er mir die Strumpfhose runterzog, was schwierig war. Immer weniger kam mir Urs wie Urs vor. In einer kleinen Atempause flüsterte ich: „Ich dachte, du bist schwul?“ Er atmete nur schwer und antwortete nicht. Dann hatte er es doch geschafft, die Strumpfhose und den Slip runterzuziehen, und schob mir einen seiner zarten Finger rein. In dem Moment platzte sein Schwanz, der Inhalt ergoss sich über meine Kleidung und die nackten Oberschenkel. Urs‘ Augen waren jetzt rot leuchtend, seine Reißzähne wuchsen und seine Hände wurden zu Krallen. Ich schob ihn von mir weg und setzte mich auf.

Urs stand vor mir, seine Haut mit rotem Ausschlag übersät, die Hose hing ihm über die Knie, der Schwanz erschlafft. Er grinste idiotisch und sah aus, als würden ihn gerade alle Lebensgeister verlassen.

Er war ein Gen-Zombie.

Der erste von vielen.

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