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Tinas Geschichte - Teil 20

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Stayhungry

Mein Mann Albert hat auch eine dunkle Seite. Nicht die Gewalt, die dunkle Seite seiner Seele ist der Rückzug in die Verschlossenheit. So angenehm seine wenig redselige, aber um so aufmerksamere Art ist in Zeiten der Ausgeglichenheit und Vertrautheit, so belastend ist sie in Zeiten der Krise. Meist zieht er sich zurück, arbeitet noch bis in die Nacht oder hört Musik mit dem Kopfhörer. Unerreichbar ist er dann. Ich konnte grundsätzlich damit umgehen, denn ich habe selbst ausgedehnte stille Phasen, in denen ich es nicht mag, bedrängt zu werden, nicht immer alles darlegen, erklären, rechtfertigen mag. Aber er übertrifft mich darin um einiges. Und heute bin ich an einem Punkt, wo ich nicht mehr weiterweiß.

Über lange Jahre war er mein leidenschaftlicher Geliebter und das Interesse anderer Damen an ihm war für mich mehr eine sympathische Bestätigung meines Lebensgefühls, als dass ich eine Bedrohung darin sah. So schwärmte Jacqueline, unsere junge Architektin, eindeutig für ihn. Dass er zu anderen Frauen, die Flirtattacken begannen, charmant war, nahm ich ihm nie übel. Er war verheiratet, nicht tot. Einem Flirt bin auch ich nicht abgeneigt. Und dass er eine angenehme Abendgesellschaft war, zeichnete ihn menschlich ja aus. Einen verklemmten, auf seine Ehefrau fixierten Stoffel hätte ich nie so lieben können wie diesen selbstbewussten stillen Denker, dem nichts entging und der seine Mitmenschen respektvoll behandelte. Diesen Respekt hatte ich auch immer vor ihm und so nahm ich es anfangs gar nicht richtig wahr, dass er sich von mir zurückzog. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass er nicht mehr so aufwendig um mich wirbt und einige Zeit später, dass er mein unaufdringliches Werben nicht mehr aufnimmt. Ich versuchte, Freiräume für die Lust zu schaffen, was in den letzten Jahren mit schon großen Kindern schwieriger wird, auch wenn wir nicht alles vor ihnen geheim halten.

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