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Tinas Geschichte - Teil 20

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Stayhungry

K. hörte mit großen Augen zu. Bei mir musste wohl alles ausgefallen ablaufen, schien er zu denken. Stumm hielt ich ihm den Burgunderkelch entgegen und er schenkte nach. Ehrlich gesagt, ich hatte heute ein solchen Horror davor, den ganzen Abend allein in meiner Verbannungswohung zu sein. Ich habe sogar schon mal im Hotel übernachtet, um niemandem etwas erklären zu müssen. Aber nur an die Wände eines fremden Zimmers zu starren oder im Restaurant die Avancen irgendwelcher Handlungsreisender abzuwehren, macht alles nur schlimmer. Also habe ich dich, euch überrumpelt. Ich versuche verzweifelt, in mich hineinzuhorchen, zu erfahren, ob ich wieder allein leben könnte, und das Alleinsein ist anders als früher. Wenn man vertrieben wird und aufgegeben, dann ist die Einsamkeit erdrückend. Und ich habe solche Angst, dass meine Kinder sich gegen mich entscheiden, wenn ich gehen will. K. nickte, ohne mich mit einem hilflosen Rat zu belehren. Dafür war ich ihm dankbar.

Wir waren lange auf der Treppe gesessen, hatten Wein getrunken. Ich hatte schließlich meine Fassung wiedergefunden, so dass K. sich in die Küche begeben konnte, um das Abendessen zuzubereiten. Als er servierte, fand er mich und seine Liebste ins Gespräch vertieft im Garten. Er bat uns zu Tisch, aber wir ließen uns Zeit, Schulterzucken und Kopfschütteln begleiteten unsere ausgetauschten Argumente. Er gesellte sich nicht zu uns, erkannte, dass es ganz gut war, wenn sich Frauen unter sich austauschten. Anfangs stocherte ich nur lustlos in meinem Teller, aß aber dann doch mit gewisser Disziplin. Im Gespräch bei Tisch tauschten wir noch Erfahrungen über Trennungen aus, entwarfen Pläne über bestmögliche Regelungen für alle Beteiligten, wogen Für und Wider jeder Konstellation ab im Spiegel der jeweiligen Erfahrungen. Spät war es geworden und irgendwie wurde ich unruhig, weil ich die beiden nicht die ganze Nacht um den Schlaf bringen wollte.

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