Zu viel des Guten

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Zu viel des Guten

Zu viel des Guten

Chloé d'Aubigné

Ich bewegte mich ihm entgegen, gab den Rhythmus vor. Er ging mit.
Ich spürte ihn tief, gleichmäßig. Meine Hände fanden ihn jetzt ohne Zögern. Glitten über seinen Rücken, seine Schultern, fester als zuvor. Ich hielt ihn, zog ihn näher.
Ein leises Geräusch entwich mir, als die Bewegung intensiver wurde. Ich merkte, wie sich die Spannung wieder aufbaute, tiefer diesmal, anders als ich sie je zuvor gefühlt hatte.
„Nicht aufhören“, sagte ich, kaum mehr als ein Hauch.
Ich verlor erneut das Gefühl für Zeit, aber anders als zuvor war ich nicht passiv. Ich bestimmte den Akt, lenkte mit kleinen Bewegungen, veränderte den Rhythmus. Und als ich kam, hatte ich nicht das Gefühl, mich zu entladen. Auch nicht, endlich erfüllt zu werden. Es war, als löste sich jede Spannung, die ich je empfunden hatte. Als wäre es ein Überlaufen aller Emotionen, die ich fühlen konnte. Mein Körper zog sich zusammen, verkrampfte sich, hielt seinen Schwanz ganz fest.
Dann ließ ich los. Ich fiel zurück ins Kissen. Bekam noch mit, dass auch er nicht länger konnte, dass auch er kam. Aber es war mir egal. Ich konzentrierte mich auf das Pochen in mir. Auf das Nachklingen in allen Muskeln, das ich so tief noch nie erlebt hatte. Und auf alle Gefühle, die mich diesen Moment mit sich trugen.
Er blieb einen Moment über mir, dann neben mir. Unsere Körper lagen direkt aneinander, warm, verschwitzt. Ich spürte seinen Atem an meinem Hals.
Der Raum war still, nur das leise Geräusch der Stadt drang durch das gekippte Fenster. Mein Körper war schwer, angenehm erschöpft, und zugleich ungewöhnlich klar. Ich dachte an nichts Konkretes. Und doch war da eine Erkenntnis, die sich nicht in Worte drängte, sondern einfach da war:
Ich hatte mich geirrt. Nicht über den Genuss. Aber über meine Art, ihn mir zu erlauben.
Ich drehte mich leicht zu ihm, spürte seine Wärme, legte meine Hand auf seinen Brustkorb, ruhig jetzt.
„Du hattest recht“, sagte ich leise.
Er antwortete nicht.
Aber ich merkte, dass er wach war. Und dass er mich hörte.
Und heute, an meinem Geburtstag, steht wieder eine Pralinenschachtel vor mir. Sorgfältig verpackt, mit einer Schleife. Das Geschenk eines Arbeitskollegen. Ich muss nicht hineinschauen, um zu wissen, dass die Pralinen darin perfekt sein werden.
Früher hätte ich die Schachtel vielleicht geöffnet, die Information zu den Pralinen gelesen und mir schon einmal überlegt, welche ich am Wochenende genießen werde. Aber heute öffne ich die Schachtel und erkenne die Sorgfalt, mit der sie hergestellt wurden. Aber ich sehe darin nichts, was man rationieren muss.  
Ich höre Schritte hinter mir, vertraut, ohne dass ich mich umdrehen muss. Er bleibt kurz stehen, nah genug, dass ich seine Präsenz spüre, bevor ich sie sehe.
„Sind sie gut?“ fragt er.
Ich nehme eine Praline, ohne lange zu wählen. Halte sie einen Moment zwischen den Fingern, spüre die glatte Oberfläche, die kaum nachgibt.
„Das kann ich dir gleich sagen“, sage ich.
Ich beiße hinein.
Die Hülle bricht, der Kern ist weich, intensiv, leicht fruchtig. Ich schließe kurz die Augen, lasse den Geschmack sich ausbreiten, ohne ihn festhalten zu wollen.
Dann öffne ich sie wieder und sehe ihn an.
„Sehr gut“, sage ich.
Er lächelt leicht.
Ich nehme die Schachtel, und biete ihm eine an. Er greift gerne zu.
Danach schließe ich die Schachtel nicht, sondern lasse sie offen auf dem Tisch stehen.  Wenig später nehme ich eine weitere Praline zwischen die Finger und beiße hinein.
Dabei denke ich nicht darüber nach, wie viele noch übrig sind.
Ich zähle nicht mehr. Ich halte nichts mehr zurück.
Ich genieße. Ohne Maß.

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