Zwei-Faktor-Authentifizierung

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Zwei-Faktor-Authentifizierung

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Chloé d'Aubigné

Ich erinnere mich an das letzte Treffen. Schon beim Schreiben gefiel er mir. Ruhig, kontrolliert, aber mit dieser unterschwelligen Wachheit – als hörte er immer mit mehr als nur den Ohren. Wir verabredeten uns: Innenstadt, späte Dämmerung. „Roter Schal. Meine Antwort: Der, der mich erkennt.“
Er schrieb zurück: „Frage: Welcher Vogel fliegt nachts?“
Ich musste lächeln – so präzise, so selbstsicher und auch so originell. Kein unnötiges Wort, aber auch keines zu wenig. Genau mein Tempo. In diesem Moment wusste ich: Wir würden uns verstehen. Keine falschen Berührungen, keine unsicheren Pausen. Nur zwei Menschen, die sich anhand weniger Zeichen erkennen – und im richtigen Moment alles fallen lassen.
Ich war früh dort. Innenstadt, kurz vor acht. Das Licht der Schaufenster legte sich wie warmer Staub über den Asphalt. Menschen kamen vorbei, sprachen, lachten, verschwanden – keiner sah mich wirklich an. Ich lehnte an einer Hauswand, die Hände tief in den Manteltaschen, den roten Schal locker um den Hals geschlungen. Mein Zeichen. Mein Faktor 1.
Als ich ihn kommen sah, wusste ich es sofort. Nicht, weil ich ihn erkannt hätte, sondern weil alles an ihm stimmte – der ruhige Schritt, der prüfende Blick, der Sekundenbruchteil, in dem sich Fremdheit in Gewissheit verwandelte. Er blieb stehen, direkt vor mir, gerade nah genug, dass ich seinen Atem spüren konnte. „Welcher Vogel fliegt nachts?“, fragte er leise. Kein Lächeln. Kein Zögern. Nur dieses eine Satzfragment, das die Welt auflöste.
„Der, der mich erkennt“, flüsterte ich.
Ein kaum sichtbares Zucken seiner Mundwinkel – Bestätigung. Alles war damit gesagt. Der Rest war stilles Wissen.
Wir gingen wortlos los, durch die Gassen, im Gleichschritt. Jeder Schritt ein leises Abtasten, als würden unsere Körper sich längst kennen, bevor wir uns berührt hatten.

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