Zwei-Faktor-Authentifizierung

5 7-12 Minuten 0 Kommentare
Zwei-Faktor-Authentifizierung

Zwei-Faktor-Authentifizierung

Chloé d'Aubigné

Trotz der Situation fühlte ich keine Furcht, mein Körper leistete keinen Widerstand. Ich wusste nicht seinen Namen, wusste nichts von ihn. Doch da war etwas anderes: ein ruhiges, pochendes Wissen: Das hier war richtig.
Da er meinen Namen nicht kannte, konnte er diesen nicht sagen, nicht stöhnen. Aber dennoch war all dies hier absolut intim. Wie wir uns daran hielten, was wir einander versprochen hatten. Wie er sich alles nahm, aber mir auch alles gab. Wie ich passiv blieb, aber mich nie unterlegen fühlte. Als ich kam, war es auch ruhig. Eine Entladung aller Spannung, ein Abfall des Stresses der vorangegangenen Tage, ein Moment, in dem ich nur Fleisch war und keine Stimme am Telefon. Kurz darauf kam auch er, stöhnte unterdrückt, hielt mich ganz fest. Kurz darauf kam nichts mehr – nur Hitze, Stille, Nachhall.
Dann das Ende. Nicht abrupt, sondern wie ein sanftes Nachwort, wenn alles gesagt ist. Er griff wieder nach meinen Händen, erlaubte ihnen, sich aus der Position über meinem Kopf zu entfernen. Führte sie sanft nach unten. Er blieb noch einen Moment ganz nahe bei mir. Ich fühlte seinen Atem auf meiner Haut, und eine Wärme, die noch ein paar Sekunden blieb. So lehnte ich noch an der Wand, fühlte meine Knie weich werden. Er trat zurück, nickte mir zu. Kein Kuss, kein Wort. Nur Verbundenheit ohne all das.
Er richtete sein Hemd, öffnete die Tür und sah kurz hinaus. Dann drehte er sich um, nickte kaum sichtbar – eine Geste, die alles enthielt. Ich nickte zurück. Wir würden gehen – und uns sogleich trennen. Alles war gut gelaufen, perfekt sogar.
Zwei Faktoren. Zwei Menschen. Eine Übereinstimmung, die bestätigt war.
Draußen war es kühler geworden. Aber in mir pulsierte noch etwas, das nicht verschwinden wollte. Ich ging nach Hause, Schritt für Schritt, ohne Eile. In der spiegelnden Scheibe eines geschlossenen Geschäfts sah ich mein Gesicht. Fremd. Offen. Ganz.
Am nächsten Morgen war alles wieder gleich. Dieselbe Helligkeit, derselbe Kaffeebecher, dieselben Stimmen aus dem Großraumbüro. Nur mein Körper wusste, dass etwas passiert war. Ich trank den ersten Schluck zu hastig, verbrannte mir fast die Zunge. Der Geschmack war bitter – genau richtig.
Ein Anruf kam rein: ein wütender Mann am anderen Ende der Leitung, natürlich. Ich setzte mein Lächeln auf, zentriert, trainiert. „Das System erkennt Sie nicht?“, fragte ich ruhig. „Ja, das kommt vor.“ Er redete, schimpfte, verlangte Lösungen. Ich hörte ihm zu, nickte stumm. Dann sagte ich den Satz, der mich schon am Vortag begleitet hatte:
„Das ist zu Ihrem Schutz. Damit niemand auf etwas zugreifen kann, das nicht für ihn bestimmt ist.“
Er seufzte. „Das ist alles viel zu kompliziert.“
Ich lächelte – diesmal echt. „Ja“, sagte ich leise, „manchmal schon. Aber Sicherheit ist nie bequem. Dafür aber … verlässlich.“
Als der Anruf endete, starrte ich kurz auf den Monitor. Benutzername. Passwort. Authentifizierung. Alles korrekt. Ich fügte den Kommentar hinzu, hakte den Fall ab. Dann blieb meine Hand auf der Maus liegen, während der Cursor still leuchtete. Im Glasfenster gegenüber sah ich mein Spiegelbild: ruhig, kontrolliert, unauffällig. Ich erkannte mich – und doch nicht ganz.
Ich strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr, ließ den Blick los.
Ja, dachte ich, ich bin berechenbar. Aber nur, wenn ich es will.
Denn manche Systeme funktionieren nur, wenn es zwei Faktoren gibt.
Und manche Menschen auch.
Schon aus Prinzip – und aus Vergnügen.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 641

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben