Zwei-Faktor-Authentifizierung

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Zwei-Faktor-Authentifizierung

Zwei-Faktor-Authentifizierung

Chloé d'Aubigné

Ich lächle, obwohl es niemand sieht. Nur ich, allein vor dem Bildschirm. Doch das Lächeln hilft, in den Ton zu finden, den dieser Anruf braucht – ruhig, freundlich, kontrolliert. Am anderen Ende atmet ein Mann ungeduldig, seine Stimme leicht belegt. „Der Code kommt nicht. Ich brauche ihn. Wirklich dringend und gleich.“ In seinem Ton liegt mehr Druck, als er bemerkt. Ich nicke, spreche leise, sanft. Meine Stimme wird weich – und rutscht gleichzeitig ins Unpersönliche, da ich diese Kritik nicht an mich heranlassen kann.
Er schimpft, nennt das System „unnötig kompliziert“. Ich erkläre, dass Sicherheit manchmal unbequem sein darf. Aber während ich rede, wandern meine Gedanken woanders hin. Ich denke an andere Formen von Sicherheit, an Nähe, an Kontrolle, an Rituale, in denen man sich öffnet – und bei denen man sich trotzdem schützt. Niemand außer mir weiß davon. Mir würde man es sowieso nicht zutrauen. So einfach, so harmlos, ja so langweilig wirke ich. Ich mag diesen Gegensatz. Er ist mein Geheimnis.
Hinter mir summt die Klimaanlage, meine Hände gleiten über die Tastatur. Treffen die richtigen Tasten, ohne dass ich hinblicken muss. Alles an diesem Raum ist funktional, glatt, neutral. Ich strecke unauffällig die Beine, spüre den Stoff über der Haut und atme etwas tiefer, als wäre ich plötzlich nicht mehr ganz hier. Dann bedankt sich der Mann, halb erleichtert, halb genervt. Ich wünsche ihm einen schönen Tag, höre noch das Klicken der Leitung – und schon ist es still.
Ich nehme das Headset ab, lehne mich zurück. Der Moment danach ist der schönste: diese Stille, in der niemand etwas will, niemand etwas fragt. Nur Raum. Ich öffne mein privates Telefon, scrolle kurz, finde die vertraute Oberfläche. Keine Namen, keine Fotos. Nur Nachrichten. Wörter, die etwas in mir aufwecken.

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