Zwei Wespen

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Zwei Wespen

Zwei Wespen

Anita Isiris

Doris öffnete. Der mausgraue, kurzärmlige Pulli, den sie trug, hätte vielleicht zu einer Mittfünfzigerin gepasst, niemals aber zur zierlichen, 27 Jahre alten Doris. Sie wirkte etwas verstört, und ich ahnte, woran das lag. Bernd hatte mir einmal – in der Abwesenheit seiner Frau – erzählt, dass er es über alles liebte, mit ihr zu bumsen, wenige Minuten, bevor Besuch eintrudelte. Das Wissen um die Unmöglichkeit der Situation, das Wissen um die Tatsache, dass Besucher ab und an auch etwas früher klingelten als erwartet, dieses Wissen machte ihn kirre. Oh, wie Bernd es liebte, es seiner Doris von hinten zu besorgen, während sie im Spaghettitopf rührte!

Neben Doris wirkte ich an jenem Abend wie Lillifee – mal abgesehen von der Tatsache, dass ich – im Gegensatz zu dieser – längst nicht mehr minderjährig war. Immerhin trug Doris einen knielangen Rock, der ihren Hintern etwas betonte. Von der Wespentaille war aber bei mir mehr zu sehen als bei ihr. Wesentlich mehr.

Doris führte mich zur Pergola, wo ich herzlich von Bernd begrüsst wurde. Er machte keinen Hehl daraus, dass ich ihm gefiel in meinem rosa Kleidchen. “Mannomann”, sagte er, “Mannomann”. Das Grillfeuer knisterte bereits, Bernd entkorkte den Chianti und ich machte es mir gemütlich. Ich schlug die Beine übereinander und lehnte mich zurück. Das Kleidchen rutschte bis zum oberen Drittel meiner Oberschenkel zurück, was Bernd anscheinend nicht entging. Im Grunde wollte ich gar nichts von ihm – ausser natürlich, ihn zu reizen, ihn ein wenig heiss zu machen auf seine Doris. Diese klapperte in der Küche mit dem Geschirr und erschien wenig später mit einer enormen Risottopfanne. “Das sollen wir alles essen?” fragte ich spontan – und Bernd zeigte auf seinen Bauch, der sich unter dem violetten T-Shirt mit der silbernen Elektrogitarre abzeichnete. “Hunger”, sagte er. “Hunger”. Dass Bernd stets hungrig war, wusste ich aus Doris´ausführlichen Schilderungen. Sein Hunger erschöpfte sich aber nicht in physischer Nahrung. Bernd verschlang auch Bücher, alles Neue von Oliver Sacks, Martin Suter, Stephen King und Ingrid Noll, und er verschlang die schüchterne Doris. Nicht, dass er ihr jemals Gewalt angetan hätte, oh nein. Aber er nahm sie in jeder Lebenslage, jeder Stellung, auf- und unter jedem Tisch in der Wohnung, im Weinkeller, auf der Kühltruhe oder der Waschmaschine, auf dem Perserteppich, im Korridor, wie gesagt, beim Rühren im Spaghettitopf, und, natürlich, im Ehebett, dessen Kopfende von Statuen nackter griechischer Göttinnen geziert war. Götter kamen nicht vor in der Gedankenwelt von Bernd. Er war sein eigener Gott. Da hielt er es mit Udo Lindenberg: “Keine Götter über mir.”

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