Zwei Wespen

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Zwei Wespen

Zwei Wespen

Anita Isiris

Dann regnete es mit einem Mal in Strömen. Bernd legte Musik auf. Supertramp. Crime of the Century. Die zeitlosen Klänge stahlen sich in mein Herz, und ich ging mit Doris in die Küche, um den Tirami Su auf den florentinischen Porzellantellerchen zu verteilen. Bernd folgte uns und ich konnte spüren, dass er wohlwollend unsere Wespentaillen betrachtete. Meine war nicht ganz so schlank wie die von Doris, aber auch ich verfügte über diese männerverrücktmachende Figur. “Euch beide sollte man mal...” begann er einen Satz, den aber Doris mit einem Hustenanfall unterbrach. Wir machten es uns erneut gemütlich und analysierten die bizarre Situation in China, dessen Regierung in Lhasa Menschenverachtung übte, in Peking aber mit derselben Konsequenz dem Olympiaweltpublikum zulächelte. Bernd verfügte über die Eigenschaft, Gedankensprünge zu vollführen, die wohl nicht einmal er selbst nachvollziehen konnte. Von Dalai Lama zu den Tirami Su-Künsten seiner Frau bis zu Haute Couture gingen seine Gedankenzüge, und ich vermutete, dass der Chianti ihm einen Streich spielte.

Dann erhob ich mich, verabschiedete mich herzlich und eilte durch den Regen, der noch immer kein Bisschen nachgelassen hatte, zu meinem Cinquecento. Er sprang nicht an. Ich wusste, dass ich mit dem Kleinstwagen ab und zu Geduld üben musste – manchmal half auch Zureden. Der Abend (und mein Auto) schienen sich aber gegen mich verschworen zu haben. Mir blieb nichts anderes übrig als zu Bernd und Doris zurückzukehren. Sie luden mich spontan ein, über Nacht zu bleiben, was ich nicht ausschlagen konnte, obwohl ich mich viel lieber zuhause in meine frische rosa Bettwäsche gekuschelt hätte.

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