Alles was in irgendeiner Form geeignet wäre, meinem Leben ein Ende zu machen, wurde mir weggenommen. Schnürsenkel wurden aus meinen Schuhen gezogen, Gürtel aus meinen Hosen entfernt und sogar die Nagelfeile aus meiner Kulturtasche nahmen sie mir weg. Ich gab mir alle Mühe freundlich zu sein und nicht den Anschein zu erwecken, ich sei lebensmüde, aber ich war es wohl, müde. Die feinen Nähte und die Verbände um meinen Handgelenken waren Beweis genug.
Die erste Woche war schlimm. Tina’s Tod verfolgte mich am Tag und in der Nacht. Das wurde dann sogar noch schlimmer, als ich zu Beginn der zweiten Woche Besuch von ihren und meinen Eltern bekam.
Man erzählte mir, dass sich niemand, auch nicht ihre eigenen Eltern, von ihr hatten verabschieden dürfen. Selbst ihre Eltern mussten mit ansehen, wie ein Leichensack mit der Aufschrift „Covid-19“ an ihnen vorbeigeschoben wurde.
Keine Aufbahrung an einem offenen Sarg, kein Einfluss darauf, welche Farbe und welches Material ihr Sarg haben durfte. Die Tatsache, dass sie auch als Verstorbene noch als ‚ansteckend‘ eingestuft wurde, zwang zu einer Feuerbestattung in billigster Fichte.
Von allem, Beisetzung und Trauerfeier, hatte man mich eiskalt, unter dem Verweis auf die Corona Quarantäne-Verordnung, ausgeschlossen. Es hat mir buchstäblich das Herz zerrissen. Wenigstens hatten meine Schwiegereltern den Anstand gehabt, mich als Tina’s Ehemann direkt unter ihren Namen in der Todesanzeige zu setzen. Gnädigerweise hatten sie mir ein Originalauszug der Zeitung zukommen lassen. Es war gut, dass es hier Menschen um mich herum gab, die mich auffingen und mich in meiner Trauer begleiteten, sonst wäre ich unter den vielen schlechten Nachrichten wohl erneut zusammengebrochen.
Deswegen meinten die Ärzte, es sei gut, wenn ich in den nächsten Wochen neben der Arbeit nicht alleine wäre. Natürlich war es kein Problem, wieder bei meinen Eltern unterzukommen, Einerseits war es gut für mich, andererseits bedeutete es ständige Beobachtung und Kontrolle. Nicht gerade das Leben eines 41 Jahre alten Mannes, der eigentlich selbstbestimmt und erhobenen Hauptes durchs Leben gehen sollte. Ich hatte alles erreicht, was man als Mann auf seiner To-Do-Liste hatte. Einen guten Job, eine tolle Frau, eine super Wohnung und auch sonst keine Probleme. Doch nun lag alles in Schutt und Asche. Fast alles jedenfalls.
Meine Eltern und Schwiegereltern waren toll. Sie kümmerten sich wirklich rührend um mich. Begleiteten mich zum Einkaufen, zu den Arztterminen oder bei den Spaziergängen. Auch, wenn ich in meiner Wohnung nach dem Rechten sehen musste, war immer einer von ihnen dabei. Wenn ich die Tür aufschloss, erinnerte mich alles an Tina.
Ihre Sachen hingen noch im Schrank, die benutzte Wäsche lag noch im Wäschekorb, ihre Schminke stand noch im Bad und auch das Bett roch noch ein wenig nach ihr. Das Bett, in dem wir an unserem letzten Abend noch so wunderbaren, leidenschaftlichen Sex hatten. „Boah bin ich geil, mach‘s mir …“, hatte sie mir gesagt, bevor sie mich mit ihrer nassen Maus abgemolken hat. Und das war gleichzeitig das letzte Mal, dass ich einen erlösenden Samenerguss hatte. Überhaupt war die Zahl meinen Erektionen seitdem fast an einer Hand abzählbar geworden.
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.