Etwas kleiner ist sie geworden und eine andere Frisur hat sie auch. Kann es sein, dass sich ein Mensch in vier oder fünf Wochen so verändern kann? Und wieso sind ihre Brüste plötzlich ein bisschen kleiner geworden? Sie sieht so frisch und erholt aus, ist immer noch die hübsche Frau mit den zierlichen Füßen und dem schmalen Gesicht. Die neue Frisur mit den welligen, langen Haaren und der neuen Farbe steht ihr gut.
Dicke Tränen laufen mir über die Wangen. Ich bemerke es erst, als ich eine davon mit meiner Zunge ablecke und es salzig schmeckt. „T … Tina?“
Mit zwei oder drei schnellen Schritten falle ich nach vorne, ziehe sie fest in meine Arme. Überwältigt nach den vielen Wochen, in denen ich sie aus den Augen verloren hatte, übersäe ich ihren Hals und ihr Gesicht mit unzähligen Küsschen. Wie sehr hatte ich sie vermisst? Wie sehr ging mir ihr Blick im Gesundheitsamt unter die Haut? Wie sehr hat es mir das Herz zerrissen, sie nach der schlimmen Nachricht zusammenbrechen zu sehen?
Dann wurde sie mir genommen, meine Tina, in all den Wochen durfte ich sie nicht sehen. Sie sei gestorben hatte man mir gesagt, die Arme hatte ich mir deswegen aufgeschnitten. Und nun steht sie da, leibhaftig und fast noch schöner als vorher. Etwas ausgeruhter als ich sie in Erinnerung habe. Mir ist egal wie sie aussieht, ausgeruht oder nicht, dicke Pickel könnte sie im Gesicht haben, mir wäre es egal, Hauptsache, ich habe sie wieder. Nie wieder werde ich sie loslassen.
„Wie … ich dachte, du wärst … alle haben gesagt, dass du … ich habe doch an deinem Grab gestanden?“, weine ich in ihre Halsbeuge, in der ich mein Gesicht vergraben habe. Sie riecht anders als sonst, fällt mir auf, ungewohnt, aber gut.
„Tina? Nein, Herr Stolberg. Freya, Doktor Freya Angerer. Schön, dass Sie es einrichten konnten.“
„Nicht Freya, du heißt Tina, weißt du es denn gar nicht mehr?“ Unaufhörlich laufen mir die Tränen.
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