Sogar, als wir an die Kinderplanung gingen, bestand ich auf ein Gesundheitszeugnis und er hatte Verständnis dafür. Ungewöhnlich für ein Ehepaar, aber ungewöhnlich war auch das Verhalten meines Mannes.
Nadine war geboren und mein Mann hatte sich immer gut um uns gekümmert. Er war liebevoll, zärtlich und fürsorglich. Uns fehlte nie etwas, bis ich durch Zufall erfuhr, dass er noch vier andere Kinder mit drei verschiedenen Frauen hatte.
Er nahm es wohl doch nicht so genau mit den Kondomen. Ich hatte also nur unglaubliches Glück, dass ich mir nichts Schlimmes eingefangen hatte. Die anderen Hühner waren mir ja egal, Hauptsache meine Grotte blieb ‚sauber‘. Das war dann der Moment, in dem ich die Trennung beschloss.
Nach der Scheidung bin ich in eine andere Stadt gegangen, in der ich mich als Psychologin niederlassen konnte. Hier kannte mich keiner, kannte auch meinen Mann nicht und nicht meine Probleme mit meiner Tochter.
Der Neuanfang tat mir gut, auch wenn es ohne die Bekannten und Freunde nicht leichter wurde, was mich oft mit verheulten Augen und unbefriedigt nach einem langen Tag, auf dem Sofa einschlafen ließ.
Viele Patienten hatte ich bisher noch nicht. Es musste sich erst herumsprechen, dass es eine neue Psychologin in der Stadt gibt. Als Leon Stolberg anrief, tat ich am Telefon so, als müsse ich nach einem Termin suchen und blätterte in einem Buch, das Nadine auf ihrem Schreibtisch vergessen hatte. Längst mache ich meine Termin mit einem professionellen Kalender auf dem PC.
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Leon Stolberg, mein erster Termin heute. Trauer, Corona, Selbstmordversuch, das alles klang nach einer ziemlich lukrativen Einnahmequelle, denn ‚mal eben so‘, hat man ein solches Problem nicht wieder wegtherapiert. Nach meiner Einschätzung dauert so etwas mindestens drei oder vier Monate. Da ist einiges an Trauerbegleitung nötig, bis hin zur Begleitung bei Grabbesuchen.
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