Das Essen kann warten.“, frage ich meine Tochter.
Ich kann nicht sagen warum, aber plötzlich habe ich das Bedürfnis mit ihr zu reden. Nicht ein Mutter-Tochter-Gespräch, sondern als Gespräch zwischen besten Freundinnen. Aber wie soll ich anfangen und an welcher Stelle?
„Ich hab dich gehört, Mum. Gestern, im Bad. Du hast seinen Namen geschrien, als es dir gekommen ist.“
„Du hast … was … ich … oh man, wie peinlich!“, starre ich sie peinlich berührt mit aufgerissenen Augen an. Warum geht jetzt nicht der Boden auf?
„Muss dir nicht peinlich sein. Nicht nur, dass du es dir selbst besorgst. Auch nicht, dass du dich in ihn verguckt hast. Hast du doch, oder?“
Dieses kleine Biest. Sie hat mich erwischt. Man kann ihr nichts vormachen. Wie so oft, ist ihre Auffassungsgabe unschlagbar. Es ist gut, dass ich mittlerweile sitze. Vermutlich wären mir sonst die Knie weich geworden. Sie sitzt rechts neben mir. Unsere Hände liegen ineinander und mein Blick ruht auf dem Apfel, der in einer Obstschale mitten auf dem Tisch steht. Die Worte, die in meinem Kopf herumschwirren, wollen sich einfach nicht zu entschuldigenden Sätzen formen. Noch zweimal tief durchatmen.
„Du hast mich erwischt. Es stimmt, der Kerl geht mir nicht mehr aus dem Kopf. An dem Dienstag … das war wie … als wenn mir jemand … nein, als wenn mich der Blitz getroffen hätte. Ich kann dich verstehen Nadine, ich mag ihn auch. Glaubst du an die Liebe auf den ersten Blick? Bis letzten Dienstag hielt ich es für ausgemachten Blödsinn. Aber jetzt ist es anders. Und deshalb konnte ich ihn auch nicht weiter behandeln. Allein seine Anwesenheit hätte mich zu sehr abgelenkt und das wäre wenig professionell gewesen.“
„Du bist verknallt oder? Ich kann dich verstehen. Und was hast du nun vor?“
„Was soll ich schon vorhaben. Er ist weg und ich muss ihn wohl vergessen.“
„Warum, du hast doch seine Krankenakte und damit seine Adresse zusammen mit seiner Telefonnummer. Mama, du bist 38 Jahre alt, das kriegst du doch wohl hin, oder muss ich das für dich übernehmen?“
„Untersteh dich, du kleine Rotznase.“
„Wenn du ihn willst, als Liebhaber oder als Partner, dann wirst du das in die Hand nehmen müssen. Von selbst wird er nicht auf dich zukommen. Du hast ihn abgesägt, schon vergessen? Ich weiß, er wäre der Richtige für dich. Dann bräuchtest du auch keinen Dildo mehr.“
„Du bist ganz schön frech, weißt du das? Du erinnerst mich jeden Tag daran, wie ich früher war. Ich hab dich lieb.“
„Ich dich auch Mama und jetzt hab ich Hunger.“
Dann steht sie auf, stellt sich neben mich und nimmt mich in den Arm. Nicht flüchtig wie sonst, sondern lange und innig. Sie legt ihre ganze Liebe zu mir in diese Umarmung, was mir ein paar feuchte Augen macht. Mit dem Daumen wischt sie mir die Tränen von den Wangen, sieht mich mit festem Blick an und flüstert: „Schnapp ihn dir Mama, ich gönne ihn dir, er ist ein toller Kerl.“ Im selben Augenblick schlingt sie wieder ihre Arme um meine Schultern.
Fortsetzung folgt …
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.