Sehen

abgeprallt im Amt

Luiz Goldberg

Aufs Amt.
Kein schöner Gang.
Ich ging ihn mit Anna.
Draußen ein Scheißwetter.
Passend zum Anlass.

Wir hatten uns vor zwei
Jahren kennengelernt.
Die obligatorische Weihnachtsfeier
in der Firma.
Sie war dort angestellt,
als Buchhalterin.
Ich malochte als Mechaniker.
Damals bestanden unsere Liebe
und unser Leben
aus einfachen Dingen
wie dem Reparieren von Autos
oder dem Kochen von Pasta.
Es fühlte sich unkompliziert an.

Nun saßen wir hier,
in diesem stickigen Warteraum
des Amtes.
Ich hatte meinen Job verloren,
die Werkstatt schloss
und Anna verdiente
als Teilzeitkraft in einem
neuen Job gerade genug
für die Miete.
Wir benötigten Hilfe,
um über die Runden
zu kommen.
Es war ja alles
teurer geworden.

Die Beamtin hinter dem Schalter
hieß Frau Berger.
Sie hatte graue Haare.
Und die waren streng
zurückgebunden.
Keine sympathische Erscheinung.
Anna hielt meine Hand fest,
ihre Finger waren kalt
vor Nervosität.
Wir hatten die Formulare ausgefüllt,
alle Belege beigelegt.
„Es wird schon klappen“,
flüsterte sie mir zu,
aber ihre Stimme zitterte leicht.

„Es wird schwierig“,
sagte Frau Berger schließlich.
Sie blätterte, ohne aufzusehen,
durch unsere Papiere.
Tippte dann etwas
in den Computer.
Anna und ich wechselten
einen Blick.
Schwierig?
Wir hatten monatelang gespart,
um nicht hierherzukommen.

„Wir können da nichts machen“,
fuhr sie fort,
immer noch, ohne uns anzusehen.
„Die Voraussetzungen passen nicht.“
Anna drückte meine Hand fester.
Sie hatte mir gestern Abend
noch gesagt,
dass sie das alles hasste,
diese Abhängigkeit,
aber wir mussten es versuchen.
Für uns.

„Es tut uns ja so leid –
aber Sie müssen verstehen“,
murmelte Frau Berger
und schob die Formulare zurück.
Ihr Ton war flach,
als lese sie von einem Zettel ab.
Anna lehnte sich vor.
„Verstehen?“
Wir haben alles beigelegt,
was Sie wollten.
Mein Partner hat gearbeitet,
bis die Firma pleiteging.
Was fehlt denn?“

„Die dringende Hilfebedürftigkeit.“
Frau Berger schaute uns jetzt an
und wies mit einem Nicken
auf die Schlange hinter uns.
Die haben es nötiger.

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