Sehen
Abschalten
Ich fuhr also wieder
hin zu ihr hin.
Meine Wohnung kotzte mich an.
Die Stille war gespenstisch
und ich brauchte etwas
soziale Kontakte und natürlich
auch ein wenig Triebabfuhr.
Außerdem hatte ich eine Nachricht erhalten.
Sie bestand nur aus drei Worten:
„Komm. Es reicht.“
Das klang weniger nach Verführung
als nach letztem Warnschuss
vor der Abschaltung als Lover.
Sie machte nicht auf,
als ich klopfte.
Warum auch.
Die Tür stand ja
einen Spalt breit offen.
Aber man will ja nicht
unhöflich sein.
Sie saß auf dem Fußboden,
Rücken an die Heizung gelehnt,
Knie angezogen,
ein halbvolles oder auch halbleeres
Glas Rotwein – je nachdem,
wie man es betrachtet –
zwischen den nackten Füßen.
Das Shirt hing ihr schlaff
über einer Schulter,
der BH-Träger war gerissen
und baumelte nutzlos herum.
„Du bist spät“, sagte sie,
ohne mich anzusehen.
„Ich bin immer spät.
Das weißt du.“
„Stimmt. Setz dich.
Oder steh. Ist egal.“
Ich blieb stehen.
Der Boden war klebrig.
Sie nahm einen Schluck,
verschüttete etwas auf ihr Bein,
wischte es nicht weg.
Die Tropfen liefen langsam Richtung Kniekehle
und verschwanden in der Hautfalte.
„Weißt du, was ich heute gemacht hab?
Ich hab versucht, mich zu rasieren.
Da unten.
Mit dem stumpfen Ding,
das schon seit Monaten
im Bad liegt.
Hab mich geschnitten.
Nicht tief.
Nur so, dass es brennt,
wenn man draufpinkelt.
Und ich hab gedacht:
vielleicht ist das ja alles,
was noch übrig ist.
Diese kleinen, dummen Schmerzen,
die man sich selbst zufügt,
weil die großen schon alle
verbraucht sind.“
Sie zog das Shirt hoch,
zeigte mir die Stelle.
Ein roter Streifen, frisch,
daneben ältere Narben.
Ich kniete mich hin.
Nicht aus Zärtlichkeit.
Eher weil Stehen plötzlich
zu anstrengend war.
Meine Hand landete auf ihrem Oberschenkel,
genau auf dem Wein.
Klebrig.
Warm von ihrer Haut.
Sie zuckte nicht weg.
Sie sah mich nur an,
mit diesem Blick, der sagt:
mach, was du willst,
es ändert sowieso nichts mehr.
Ich drückte zu.
Nicht fest.
Nur so, dass man spürt,
dass da noch etwas ist.
Sie atmete aus,
lang und langsam.
Dann legte sie ihre Hand
auf meine,
drückte sie runter,
tiefer,
bis meine Fingerknöchel fast
die Innenseite ihres Schritts berührten.
„Mach es“, sagte sie.
Keine Bitte.
Kein Befehl.
Nur Feststellung.
„Was?“
„Egal. Irgendwas.
Hauptsache, es hört sich an
wie früher.“
Ich tat nichts Großes.
Schob nur den Stoff zur Seite,
ließ zwei Finger langsam
in sie gleiten.
Sie war trocken, warm,
ein bisschen rau.
Sie schloss die Augen,
aber nicht vor Lust.
Eher wie jemand,
der sich auf den nächsten Schlag vorbereitet.
Es dauerte nicht lange.
Sie kam nicht richtig.
Ich kannte aber ihr abgehacktes Zucken.
Es sah immer mehr nach einem Muskelkrampf
als nach einem Höhepunkt aus.
Aber wenn man es recht betrachtet,
ist ein Orgasmus ja ein Muskelkrampf.
Aber bei ihr mehr Krampf
denn Ekstase.
Ich zog die Hand zurück,
wischte sie am eigenen Hemd ab.
Danach saßen wir einfach da.
Der Weinfleck trocknete langsam ein.
Sie zündete sich eine Zigarette an,
obwohl sie wusste,
dass ich den Rauch nicht mehr ertrage.
Der Qualm hing zwischen uns
wie ein dritter,
sehr müder Mensch.
„Ich glaube“, sagte sie irgendwann,
„wir sollten aufhören,
so zu tun,
als wäre das hier noch Sex.“
„Was ist es dann?“
„Keine Ahnung.
Eine Art gegenseitige Leichenschau.
Nur dass wir uns noch bewegen.“
Ich stand auf.
Meine Knie knackten.
Sie sah mir zu,
wie ich zur Tür ging,
ohne mich zu verabschieden.
Abschalten kann ich auch.