Sehen

Absurdistan: Amt für sexuelle Identität

Ricardo Möbius

Der Krankenwagen kam
mit Blaulicht
und hielt vor der Notaufnahme.

Die Türen flogen auf,
zwei Sanitäter schoben
eine Bahre heraus.

Auf der Bahre lag eine bewusstlose Person.
Der Herzmonitor piepte.

Sie schoben die Bahre
den Flur entlang
und blieben stehen.

Vor ihnen waren zwei Eingänge.

Über dem linken stand:
Männer.

Über dem rechten stand:
Frauen.

Der erste Sanitäter schaute
auf den Patienten
und sagte:
»Keine Brüste.
Also Mann.
Links.«

Der zweite Sanitäter sagte:
»Kein Penis.
Also Frau.
Rechts.«

Der erste Sanitäter sagte:
»Beim Unfall abgerissen.
Also Mann.
Links.«

Der zweite Sanitäter sagte:
»Kein Penis,
kein Mann.
Also rechts.«

Sie schauten sich an.
Piep.
Piep.
Piep.

An der Wand zwischen den Eingängen
hing ein großer Bildschirm.

Darunter ein Schild:
Bei Unklarheit Taste drücken.

Der erste Sanitäter drückte
die Taste.

Der Bildschirm flackerte an.

Eine Frau erschien.

Sie trug eine Brille,
hatte die Haare streng
nach hinten gekämmt
und schaute in die Kamera,
als hätte man sie
beim Mittagessen gestört.

»Amt für sexuelle Identität«,
sagte sie.

»Was liegt vor?«

»Wir haben einen Notfall«,
sagte der erste Sanitäter.

»Bewusstlose Person.
Keine Brüste,
kein Penis.
Wir wissen nicht,
wohin.«

»Schieben Sie den Patienten
vor die Kamera«,
sagte die Beamtin.

Sie schoben die Bahre
vor den Bildschirm.

Piep. Piep.

Die Beamtin betrachtete
den Patienten.

Sie kniff die Augen zusammen.

»Die Haare«, sagte sie.

»Sehen Sie die Haare?
Lang.
Über die Schultern.
Eindeutig weiblich.
Fraueneingang.«

Die Sanitäter schoben
die Bahre nach rechts.

»Halt!« rief die Beamtin.

Sie schoben zurück.

»Die Schulterbreite«,
sagte die Beamtin.

»Schauen Sie sich das an.
Und die Lederjacke.
So etwas trägt keine Frau.
Das ist männlich.
Männereingang.«

Die Sanitäter schoben
nach links.

Piep.
Piep.
Piep. Piep.

»Stopp!« rief die Beamtin.

Sie schoben zurück.

»Was ist das in der Jackentasche?«
fragte die Beamtin.

Der erste Sanitäter griff
in die Jackentasche
und zog eine Schachtel
Zigaretten hervor.

»Was für eine Marke?«
fragte die Beamtin.

Der Sanitäter drehte
die Schachtel um.

»Keine Ahnung«, sagte er.

»So was Parfümiertes.
Edelzigaretten.«

Piep. Piep.

»Was piept denn da die ganze Zeit?«
fragte die Beamtin.

»Der Patient«, sagte der zweite Sanitäter.

»Aha«, sagte die Beamtin.

»Also, parfümierte Edelzigaretten.
Das raucht kein Mann.
Fraueneingang.«

Die Sanitäter schoben
nach rechts.

»Moment!« rief die Beamtin.

Sie schoben zurück.

»Die Schuhe«, sagte die Beamtin.

»Welche Größe?«

Der zweite Sanitäter bückte sich
und schaute nach.

»Fünfundvierzig«, sagte er.

»Fünfundvierzig«, wiederholte die Beamtin.

»Männlich. Eindeutig.
Männereingang.«

Die Sanitäter schoben
nach links.

Piep.
Piep.
Piep.
Piep.


Piep. Piep. Dann:
Piiiiiiiiiiiiiiiiiiiep.
Dauerton.

Die Sanitäter blieben stehen.

»Ich glaube«, sagte der erste Sanitäter,

»der piept nicht mehr richtig.«

Sie schauten auf den Monitor
am Patienten.

Eine flache Linie.

»Tot«, sagte der zweite Sanitäter.

Die Beamtin auf dem Bildschirm sagte:
»Und jetzt?«

»Leichenhaus«, sagte der erste Sanitäter.

»Dann ist das nicht mehr
meine Zuständigkeit«,
sagte die Beamtin.

Der Bildschirm ging aus.

Die Sanitäter schoben die Bahre
durch den Flur,
die Treppe runter,
in einen anderen Trakt.

Über dem Eingang stand:
Leichenhaus.

Darunter waren zwei Türen.

Über der linken stand:
Männlich.

Über der rechten stand:
Weiblich.

Die Sanitäter schauten sich an.

An der Wand zwischen den Türen
hing ein großer Bildschirm.

Darunter ein Schild:
Bei Unklarheit Taste drücken.

Der erste Sanitäter drückte
die Taste.

Der Bildschirm flackerte an.
Die Beamtin erschien.
Sie schob ihre Brille zurecht
und sagte:

»Also, die Haare sprechen für weiblich …«

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