Sehen
Absurdistan: Der falsche Ton
»Also«, sagte der Richter gewichtig,
»wie ich gehört habe,
haben Sie den Bassisten des Orchesters
bei der Aufführung von Beethovens Neunter Symphonie
niedergeschossen.
Was sagen Sie dazu?
Bekennen Sie sich schuldig?«
Sein Blick lag auf dem Angeklagten.
Der Angeklagte,
Kritiker einer städtischen Zeitung,
sagte:
»Ja,
aber er hat es auch verdient.«
»Wieso?« fragte der Richter.
»Nun,
er hat sich andauernd verspielt.
Und als ich auf ihn geschossen habe,
war das Maß voll.
Cis statt ein C.
Herr Richter,
Cis!«
Und er betonte dieses Cis.
»Ja, das ist doch aber kein Grund,
einen Menschen zu erschießen.«
»Doch«, sagte der Kritiker.
»Wenn Sie so gequält werden wie ich
von einem Musiker,
der permanent falsch spielt,
dann können Sie gar nicht anders,
als zu einer Waffe zu greifen
und dieses Problem ein für alle Mal
aus der Welt zu schaffen.«
Der Richter schaute im Gerichtssaal umher.
»Kann irgendjemand bestätigen,
dass dieser Bassist falsch gespielt hat?
Ein C statt ein Cis
oder umgekehrt?
Also ich habe ja gar keine Ahnung davon.«
Da meldete sich der Dirigent
und sagte:
»Wir können uns gerne die Aufnahme anhören.
Dort wird man auch den Schuss hören.
Aber meine Erinnerung bestätigt:
Ja, leider hat der Bassist falsch gespielt.«
»Wieso haben Sie denn eine Aufnahme?«
fragte der Richter.
»Nun,
wir wollten dieses Konzert aufnehmen
und auf CD herausbringen.
Wissen Sie,
tote Künstler verlangen keine Tantiemen.
Ich muss nur das Orchester bezahlen.
Das ist ein sehr lukratives Geschäft.
Aber leider hat mir der Bassist tatsächlich
die Aufnahme ruiniert.
Und der Schuss nun ja den Rest.«
»Gut«, sagte der Richter.
»Hören wir uns die Aufnahme an.«
Tatsächlich wurde die Aufnahme abgespielt,
und man hörte Töne
und dann einen Schuss.
»Herr Dirigent, wie sieht es aus?
Können Sie bestätigen,
dass der Bassist falsch gespielt hat?«
»Ja, eindeutig.
Vor dem Schuss ein Cis statt ein C.«
»Nun, dann ist die Sache ja klar«, sagte der Richter.
»Wie können Sie denn einfach
einen Menschen erschießen,
nur weil er falsch spielt?«
»Halt«, sagte da der Dirigent,
»ich weiß den Grund,
warum mein Musiker falsch gespielt hat.
Weil der Kritiker nämlich anwesend war.
Darum hat er Angst gehabt,
und darum hat er sich permanent verspielt.
Denn dieser Kritiker ist äußerst unfair.«
»Nein, nein«, sagte der Kritiker.
»Das muss ich hier mit Fug und Recht zurückweisen.
Ich war immer fair.
Ich habe immer sauber erkannt,
wenn jemand falsch gespielt hat.
Mir können Sie solche Sachen nicht unterschieben.«
»Nun«, sagte der Richter,
»wir müssen den Prozess vertagen.
Heute war ja nur die Beweisaufnahme.
Wir sehen uns in sechs Wochen wieder.«
Der Kritiker wurde hinausgebracht.
Die anwesenden Journalisten verschwanden.
Es blieben nur zurück
der Dirigent und der Richter.
Der Richter sagte zum Dirigenten:
»Wissen Sie,
jetzt wo wir alleine sind –
ich singe sehr gerne in meiner Freizeit,
und ich wollte Sie fragen,
ob ich eigentlich Opernsänger hätte werden können.«
»Nun«, sagte der Dirigent,
»dann singen Sie doch mal was vor.«
Der Richter hob an zu singen.
Kurze Zeit später
presste sich der Dirigent die Ohren zu
und sagte:
»Mein Gott,
Sie singen fürchterlich!
Cis statt C!
Haben Sie das nicht gehört?«
Er nahm die als Beweismittel konfiszierte Pistole,
richtete sie auf den Richter
und drückte ab.