Sehen

Absurdistan: Pressekonferenz

Ricardo Möbius

»Wir müssen etwas tun«, sagte der Politiker.
– »Was denn?« fragte der Journalist.
Es war eine kleine Pressekonferenz.
Das heißt, es saß nur dieser eine Politiker da
und dieser eine Journalist.
Leider waren nicht mehr gekommen.
Beide kannten sich.

– »Ja, wir müssen etwas machen«, sagte der Politiker.
– »Was denn, verdammt nochmal?« fragte der Journalist.
– »Nun, wir haben Probleme mit dem demografischen Wandel.«
– »Natürlich«, sagte der Journalist,
»das wissen wir doch.«

– »Ja, aber wir müssen etwas tun«, sagte der Politiker.
– »Ja, was denn zum Beispiel?« fragte der Journalist.
»Haben Sie da vielleicht eine kreative Überlegung,
einen Vorschlag, den Sie machen können?«

– »Nun«, sagte der Politiker,
»was halten Sie davon, wenn wir ein Gesetz herausbringen,
das verbietet, dass man verhütet beim Beischlaf?«

– »Nun«, sagte der Journalist,
»hmm, das wäre eine Möglichkeit.
Aber gibt es da nicht noch mehr Möglichkeiten?«

– »Ja«, sagte der Politiker,
»was halten Sie davon, wenn wir beschließen,
dass jeder jeden Tag Geschlechtsverkehr hat,
vielleicht noch mit jemand anderem?
Dann werden wir garantiert Kinder bekommen.
Vor allen Dingen dann,
wenn es keine Verhütungsmittel gibt.«

– »Das wäre natürlich eine Variante«, sagte der Journalist.
»Aber sagen Sie mal,
ist es nicht so, dass die Unternehmen
immer mehr Roboter einstellen?«

– »Ja«, sagte der Politiker,
»das ist der Fall.«

– »Aber«, fragte der Journalist,
»was machen wir dann mit den ganzen Menschen,
wenn wir keine Arbeit mehr haben?«

– »Ja«, sagte der Politiker,
»das ist natürlich ein Problem.
Dann müssten wir die Steuern erhöhen


– »Wenn Sie die Steuern erhöhen und keiner mehr arbeitet,
von wem wollen Sie dann Steuern einnehmen?«

– »Das ist natürlich ein Problem«, sagte der Politiker.
»Aber wir könnten den Leuten Geld schenken
und darauf Steuern erheben.«

– »Das geht doch nicht auf«, sagte der Journalist.

– »Warum?« erwiderte der Politiker.

– »Sie nehmen weniger Steuern ein,
als Sie den Leuten schenken.
Damit haben Sie doch ein Problem.«

– »Das stimmt natürlich auch wieder«, sagte der Politiker.
»Aber wir könnten natürlich dafür sorgen,
dass wir die Leute totspritzen.
Mit einer netten Impfung.
Was halten Sie davon?«

– »Dann haben wir weniger Leute«, sagte der Journalist.
»Aber ich denke, wir haben ein Problem
mit zu wenig Leuten.«

– »Hm«, sagte der Politiker,
»da haben Sie auch wieder Recht.
Wissen Sie was?
Ich glaube, wir lassen alles so, wie es ist.«

– »Hm«, sagte der Journalist,
»wahrscheinlich haben Sie Recht.«

– »Und was ist nun das Ergebnis unserer Pressekonferenz?«
fragte der Journalisten den Politiker.
»Was halten Sie davon,
wenn Sie morgen in der Zeitung schreiben,
wir leben in der besten aller Welten.«

Zugriffe gesamt: 8