Sehen

Absurdistan: Rasieren

Ricardo Möbius

Im heimischen Elektromarkt
sortierte ein Verkäufer
die Produkte sorgsam
im Regal.

Ein Mann kam zu ihm
und sagte:
»Ich würde mich gerne rasieren.
Können Sie mir dabei helfen?«

»Untenrum oder obenrum?«,
fragte der Verkäufer.
Der Mann stockte.

»Äh, untenrum.«

»Kein Problem«, sagte der Verkäufer vertraulich.
»Das ist heute absoluter Standard.
Nass oder trocken?«

»Nun, das würde ich ja
von Ihnen gerne wissen«,
sagte der Mann.

»Wenn Sie das nicht wissen,
dann muss ich Sie erst
zur Pflichtberatung schicken.
Die ist hinten,
zwischen der Jeans-Abteilung
und den Schuhen.«

»Was? Es gibt eine eigene Beratung dafür?«

»Ja, natürlich«, sagte der Verkäufer.
»Wissen Sie,
wie die Leute sich heutzutage
alles verletzen?
Schrecklich.
Darum hat die EU
das so eingerichtet.
Sie brauchen den Beratungsschein,
sonst können wir nicht weitermachen.«

»Na gut«, sagte der Mann
und ging zu dem Beratungszimmer,
das sich tatsächlich
zwischen den Jeans
und den Schuhen befand.

Die Empfangsdame im weißen Kittel fragte:
»Haben Sie einen Termin?«

»Nein.«

»Dann setzen Sie sich.«

Der Mann schaute auf die anderen drei Männer
im Wartebereich,
die alle betreten
zu Boden schauten.

Der Berater hatte eine Schutzbrille
und chirurgische Handschuhe an
und saß hinter dem Schreibtisch.

»Erste Frage: Elektrisch oder nass?«

»Mein Gott«, sagte der Mann,
»das weiß ich doch nicht.
Deshalb bin ich doch hier
und möchte mich von Ihnen
beraten lassen.«

»Verstehe«, sagte der Berater
und zog ein Formular hervor.
»Ich muss zunächst
eine Gefährdungsbeurteilung machen.
Wie ist die Beschaffenheit
Ihres Haarwuchses?
Würden Sie sagen:
buschig, mittel oder spärlich?«

»Eher buschig«, sagte der Mann.

Der Berater machte ein Kreuz
und sagte:
»Dann rate ich vom Nassrasierer ab.
Hohes Verletzungsrisiko.
Hier, schauen Sie.«

Er legte dem Mann eine Mappe mit Fotos vor.
Der Mann wurde blass.

»Das sind dokumentierte Fälle
von unsachgemäßer Intimrasur«,
sagte der Berater.
»Schnitt in die Hodenhaut.
Eingewachsene Haare.
Ein Mann hat sich
mit einem Fünfklingenrasierer
den halben Sack aufgeschlitzt.«

»Um Gottes willen«,
sagte der Mann.

»Ja«, sagte der Berater.
»Deshalb empfehle ich Ihnen
den Philips Bodygroom.
Zum Kürzen.
Nicht zum Blankmachen.«

»Aber ich will blank«,
sagte der Mann.

Der Berater lehnte sich zurück
und verschränkte die Arme.
»Blank«,
wiederholte er.
»Blank ist Risikoklasse drei.
Dafür brauchen Sie eine Einweisung.«

»Eine Einweisung?«

»Ja. Ein zweistündiger Kurs
mit praktischer Prüfung.
Wir bieten den dienstags an.
Und samstags,
aber samstags ist immer voll.«

»Ich soll eine Prüfung ablegen,
um mich zu rasieren?«

»Untenrum, ja«, sagte der Berater.
»Gesicht dürfen Sie
ohne Prüfung rasieren.
Aber untenrum ist seit letztem Jahr
zertifizierungspflichtig.
Paragraph sieben
der Intimhygieneverordnung.«

»So etwas gibt es?«

»Natürlich«, sagte der Berater.
»Die EU hat das eingeführt.
Wegen der Unfallstatistiken.
Wissen Sie,
wie viele Männer jährlich
in der Notaufnahme landen
wegen Intimrasur?«

»Nein.«

»Ich auch nicht«, sagte der Berater,
»aber es müssen viele sein,
sonst hätte man das Gesetz ja nicht gemacht.«

Der Mann schwieg.

»Alternativ«, sagte der Berater,
»könnte ich Ihnen
Do-it-yourself-Waxing empfehlen.
Oder DIY-Sugaring.
Das verkauft Frau Knothe
in der Abteilung nebenan.«

»Sugaring?«

»Ja. Mit Zucker.
Sehr natürlich.
Sehr schmerzhaft.
Aber zertifizierungsfrei.«

»Also Zucker darf ich mir
ohne Prüfung an die Eier schmieren,
aber rasieren nur mit Schein?«

»So ist die Gesetzeslage«,
sagte der Berater
und zuckte die Achseln.

Der Mann stand auf.

»Wissen Sie was«, sagte er,
»ich lasse alles so,
wie es ist.«

»Das«, sagte der Berater,
»empfehlen die meisten Kunden.
Aber dafür brauchen Sie
eine Verzichtserklärung.
In dreifacher Ausfertigung.
Eine für Sie,
eine für uns,
und eine für die EU.«

»Und wenn ich mich weigere?«,
fragte der Mann.

»Dann wird Ihnen auf Staatskosten
jedes Haar am Sack
einzeln herausgerissen,
und die Weiber
der Parfümerie-Abteilung
schauen dabei zu.«

»Auch die Schwarzhaarige
mit dem kurzen karierten Rock?«,
fragte der Mann.

»Auch die«, bestätigte der Berater.

»Dann sind wir uns ja einig«,
sagte der Mann.

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