Sehen

Absurdistan: U-Bahn-Entführung

Ricardo Möbius

Um 16.30 Uhr
mitteleuropäischer Sommerzeit
beschloss Roman Reiber,
Berufsrevolutionär zu werden.

Zu diesem Zweck rannte er
in die U-Bahn-Station Schillingstraße,
riss die Waggontür
des Zugführers auf,
richtete eine geborgte Pistole,
Kaliber 9,5,
auf den Kopf des armen Mannes
und sagte:
»Ich entführe hiermit
diesen Zug nach Honolulu.«

– Der Mann sagte: »Entschuldigung, Junge,
Sie können doch aber
keinen U-Bahn-Zug
nach Honolulu entführen.
Weder gibt es
eine U-Bahn-Station Honolulu,
noch gibt es irgendeine Verbindung
zu dieser Insel, Mann.«

– »Das ist mir scheißegal«,
sagte unser Berufsrevolutionär.
»Ich möchte, dass dieser Zug
nach Honolulu fährt.«

– Die Fahrgäste in dem Zug
fingen an zu murren,
denn sie befürchteten,
zu spät nach Hause zu kommen.

Ein Fahrgast sagte:
»Könnten wir uns nicht darauf einigen,
dass die nächste Station
in Honolulu umbenannt wird?
Dann könnten Sie doch
nach Honolulu fahren.«

– »Das wäre natürlich ein Angebot«,
sagte unser Berufsrevolutionär.
»Also sagen Sie der Zentrale,
dass die nächste U-Bahn-Station
in Honolulu umbenannt werden soll.«

– Er rief bei der Zentrale an
und sagte:
»Hier wird gerade ein Zug entführt.
Ich bitte darum,
dass die nächste U-Bahn-Station
in Honolulu umbenannt wird.«

– »Was wollen Sie denn eigentlich,
wenn wir in Honolulu sind?«
fragte der Zugführer
unseren Entführer.

– »Na, ich werde meine Forderungen verlesen.«

– »Was für Forderungen
haben Sie denn?«
sagte der Zugführer.

– »Das werde ich Ihnen
in Honolulu sagen.
Aber doch nicht hier.
Ich bin doch nicht blöd
und verquatsche mich.
Vielleicht nehmen Sie alles
auf Tonband auf,
und dann bin ich geschmissen.
Nein, nein, nein, nein, nein.
Wir fahren erst nach Honolulu,
und dann werde ich mich
der Presse erklären.
Ach so, sagen Sie noch
der Fahrdienstzentrale,
sie soll die Presse informieren,
damit ich meine Forderungen
erklären kann.«

– »Okay«, sagte der Zugführer.
»Hallo Zentrale,
könnt ihr der Presse Bescheid sagen,
dass hier unser Berufsrevolutionär
seine Forderungen mitteilen wird?«

– »Das ist schon geschehen.
Die Presse interessiert sich immer
für solche Dinge«,
sagte die Zentrale.
»Aber leider müssen wir
eine traurige Mitteilung machen.«

– »Und die wäre?« sagte der Zugführer.

– »Wir konnten keine Farbe finden,
um den Bahnhof umzubenennen.
Von daher können wir
mit Honolulu nicht dienen.«

– »Na gut«, sagte unser Berufsrevolutionär,
»dann eben nicht.«
Er nahm seine Pistole,
die ohnehin nicht geladen war,
und verließ den Zug.

Er stieg auf sein Fahrrad,
das er ordentlich oben angekettet hatte,
und dachte:
Immerhin habe ich es versucht.

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