Sehen

Achtunddreißigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Lieber Tobias,

ich sitze hier
am großen Esstisch
und lege
ein kompliziertes Landschaftspuzzle
und frage mich,
ob das Leben
nicht so einem Puzzle gleicht,
weil man immer wieder Teile
in der Hand hält,
die nicht zueinander passen,
die einen verwirren
und man sich fragt,
wohin damit.

Und vielleicht ist das
ein wenig komisch
in der Überleitung,
aber ich muss mich
an Simon erinnern,
der vor kurzem
bei mir war
und mir eine Predigt
gehalten hat,
wie grausam ich
zu dir bin.

Ich finde es impertinent,
sich dermaßen
in meine Privatangelegenheiten
einzumischen,
zumal ich etwas anderes
noch viel dramatischer finde.

Er hat von meinem Schreibtisch
ein Bild von mir gestohlen,
wie ich glücklich da sitze
und in die Kamera lächle.

Ein Schnappschuss, ich glaube,
den du sogar gemacht hast.

Und dieses Stück Papier
hat Simon einfach
an sich genommen.

Und wie ich herausgefunden habe,
hat er dir es gegeben.

Ich finde so etwas impertinent.

Das ist ein Puzzleteil,
das mir gehört.

Und ich erwarte, dass dieses Bildnis,
das Puzzlestück meiner selbst,
wieder in meinem Besitz auftaucht.

Und zwar ist das keine Bitte,
sondern dies ist
ein Befehl.

Dieses Bild ist nicht nur
irgendwie ein Bild,
sondern es gehört mir.

Und ich erwarte, dass dieses Bild
mir übergeben wird
durch Martina.

Und Martina erhält es
von Simon.

Also du gibst es Simon,
Simon gibt es Martina
und Martina gibt es mir zurück.

Warum so kompliziert,
wirst du dich fragen?

Nun, dafür habe ich meine Gründe,
die ich aber dir
nicht offenbaren möchte,
weil sie zu privater Natur sind.

Und ich gebe dir dafür
ein paar Tage Zeit.

Und ich erwarte, dass du auch keine Kopie
von diesem Bild anfertigst.

Das ist etwas, was du mir versprechen musst,
auch wenn es natürlich leicht wäre,
einen Kopierer zu nehmen
oder sein Smartphone.

Aber ich hoffe darauf zählen zu können,
dass du meinem Wunsch entsprichst
und mir dieses Bild zurückkommen lässt,
so, wie es weggekommen ist.

Und du kannst auch Simon sagen,
dass ich mehr als enttäuscht darüber bin,
dass er so etwas getan hat.

Das hätte ich nie von ihm vermutet.

Ich habe ihn immer für eine integre Person gehalten,
vor allen Dingen
nach der Standpauke,
die er mir gehalten hat.

Er hat sich ja aufgespielt,
als wäre er die Tugend höchstpersönlich.

Und so eine Person sollte nicht
hinter dem Rücken
einfach Gegenstände an sich nehmen,
aus welch edlen Motiven heraus
er es auch immer
zu rechtfertigen versucht.

Also, mein lieber Tobias,
du weißt,
was zu tun ist.

Es grüßt dich deine Loretta.

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