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Achtundfünfzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Oh du Kretin! Tobias,

Dich,
mein Lieber zu nennen,
verbittet sich mir.

Denn was ich auf der letzten Party erlebt habe,
an der du auch anwesend warst,
hat mich doch ein wenig schockiert.

Du bist so impertinent,
mit einer anderen Frau aufzutauchen,
ihr die ganze Zeit schöne Augen zu machen,
sie zu umschwärmen,
zu umschmeicheln
und mich dastehen zu lassen
wie eine abgelegte Tasche.

Mein Herr, so haben wir nicht gewettet.

Ich bin nicht einfach eine Frau,
die man mal so nebenbei verführt
und dann sich nicht weiter für sie interessiert.

Wenn du auf diesem Dampfer unterwegs sein solltest,
dann hast du dich aber gewaschen
und gewaltig geirrt.

Was du kannst, mein kleiner Bengel,
kann ich schon lange.

Und ich kann es noch ein bisschen besser als du.

Was du vielleicht nicht weißt ist,
dass du nicht der einzige Verehrer bist,
der an meine Tür klopft.

Da kann ich dir versprechen,
stehen eine Menge andere.

Und sie stehen dort schon seit geraumer Zeit.

Allein ich habe sie nicht erhört,
weil ich mich dir gewidmet habe.

Nicht meinem Mann, nicht diesen
und nicht jenen.

Wenn du mir vielleicht den Vorwurf machst,
dass ich keine Namen nenne,
und daraus schließt,
dass das Ausgeburten meiner Fantasie sind,
dann irrst du dich gewaltig.

Jede Frau hat zu jedem Zeitpunkt mehrere Eisen im Feuer.

Nimm dir das Foto, das gestohlene,
das ich bis heute noch nicht wieder habe.

Schau es dir an, sieh dir das Gesicht an
und frage dich,
ob darauf eine Person zu sehen ist,
der es schwerfällt,
einen Mann von ihren Reizen zu überzeugen.

Ich glaube, das wirst du verneinen müssen.

Und wenn ich keine Namen nenne,
dann nur aus dem Punkt der Diskretion heraus,
um andere Menschen,
die ich noch nicht erhört habe,
nicht bloßzustellen.

Denn diese haben mir bis zum heutigen Tage noch nichts angetan,
im Gegensatz zu dir.

Du solltest dir also strikt überlegen,
wie du dich in Zukunft mir gegenüber verhältst,
denn ansonsten kann ich dir garantieren,
dass auch ich mich dir gegenüber anders verhalten werde.

Also mein kleiner Schlawiner,
denke darüber nach
und ziehe deine Konsequenzen.

Es grüßt dich, deine Loretta.

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