Sehen

Achtundsechzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Mein lieber Tobias,

ich sitze vor dem Kamin.
Ja, wir haben zu Hause einen wunderschönen Kamin,
in dem man Holzscheite legen kann
und man hört,
wie das Feuer knistert,
und schreibe dir bei warmem Licht.

Mein Mann sitzt im Sessel.
Feuer symbolisiert für ihn Leidenschaft
und Zerstörung zugleich.
Er kann stundenlang ins Feuer schauen
und er beachtet mich dabei überhaupt nicht.

Aber das ist etwas,
was mir überhaupt nichts bedeutet.
Seine Aufmerksamkeit ist etwas,
was ich schon lange abgelegt habe.

Ein Feuer muss man am Leben erhalten,
ohne dass es außer Kontrolle gerät.
Das sollte auch in einer Ehe so sein.
Aber ich glaube,
das hat bei uns aufgehört zu existieren.

Er hat einmal von mir verlangt,
dass ich aufhören soll auszugehen.
Ich habe dem entsprochen.
Ich habe nicht gefragt,
ob er das Recht dazu hatte.
Ich habe es einfach getan.

Und dann habe ich bemerkt,
dass meine Beständigkeit für ihn langweilig wird.
Ja, das spürte ich.

Aber ich bin keine Person,
die sich selbst aufgibt.
Darum habe ich begonnen,
irgendwann wieder auszugehen.

Und er hat es so akzeptiert,
wie ich sein Ausgehverbot seinerzeit akzeptiert hatte.

Und so kam es, dass ich heute ins Kino ging.

Und ich bemerkte, kurz nachdem die Werbung begann,
es war also schon dunkel,
dass sich ein fremder Mann neben mich setzt.

Wir saßen so eine Weile
und ich spürte aber seine Präsenz,
seine Nähe,
seine Existenz.

Irgendwann schob er die Hand unter meinen Mantel
und wie zufällig streichelte er langsam
den Oberschenkel hinauf.

Und du kannst dir vorstellen,
dass es mich durchfuhr.
Erst ein Schreck
und gleichzeitig aber auch eine unbändige Lust
auf das,
was da gerade geschieht
und was daraus werden könnte.

Ich schaute die ganze Zeit auf die Leinwand
und sagte kein einziges Wort.

Irgendwann drückte ich meine Schenkel etwas nach außen.
Er spürte dies
und sein Streicheln ging etwas
auf die Schenkelinnenseite über.

Ich glaube, ich wurde unglaublich feucht
und ich schaute immer noch auf die Leinwand
und tat so,
als existiere er gar nicht.

Habe ich vergessen zu erzählen,
dass ich kein Unterhöschen in diesem Moment trug?

Ich weiß nicht wieso,
aber manchmal gehe ich ohne Unterhöschen aus dem Haus.
Ich habe keinen Slip an,
trage einen Rock
und wenn ein Mann drunter schauen würde,
würde er meine rasierte Spalte sehen.

Der Mann beließ es aber komischerweise
bei seinen Streicheleinheiten
auf der Schenkelinnenseite.

Ich spürte zwar, dass er den Schamlippen gefährlich nahe kam,
aber irgendetwas schien ihn davon abzuhalten,
ins Allerheiligste einzudringen.

Vielleicht war es meine Art,
nicht darauf zu reagieren.
Vielleicht gab es aber andere Gründe,
die wir nie erfahren werden.

Es grüßt dich, deine Loretta.

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