Sehen

Achtundvierzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Lieber Tobias,

ich stehe in der Küche
und bereite mir einen Tee vor.

Das heißt,
es ist nicht nur ein Tee,
sondern meine kleine private Tee-Zeremonie,
mit der ich mich auf bestimmte Gedanken
und Gefühle einstimme.

Eine innere Seelenmassage,
könnte man sagen.

Das Wasser ist kurz davor zu sprudeln.

Es wird ein schöner Kräutertee.

Und die Briefutensilien
liegen in Griffweite.

Aus dem anderen Zimmer
rief mein Mann zu mir,
dass er Tee abscheulich findet
und lieber einen Kaffee trinken will.

Ich kämpfe mit mir,
ob ich ihm diesen Wunsch erfülle,
oder ob ich einfach sage,
stell dich zum Teufel,
du fauler Sack,
mach es selbst.

Aber wahrscheinlich bin ich eine zu gute Ehefrau,
um solche Frechheiten zu begehen.

Und ich werde wahrscheinlich,
um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen,
ihm einen Espresso kochen,
damit er Ruhe gibt
und mich mit meiner Tee-Zeremonie alleine lässt.

Dies ist eine sehr private Angelegenheit,
wobei ich damit meine,
dass man sehr bei sich selbst ist.

Und jedwede Person
würde mich dabei stören.

Denn es geht um die Pflege
meiner inneren Welt.

Ich betrete quasi in Gedanken
ein japanisches Tee-Häuschen,
lasse die Musik,
die ich mir vorstelle,
in mich gleiten
und spüre dabei dann eine innere Klarheit,
die mich vieles sehen lässt,
was mir sonst verborgen bleibt.

Also eine Art Meditation.

Denn das brauche ich.

Denn du hast mich in eine so verhängnisvolle Lage gebracht,
dass ich nicht ein noch aus weiß.

Es ist ein schrecklicher Abgrund,
in den ich zu stürzen drohe.

Und ich weiß,
dass eine Liebe zu dir
für mich eine Katastrophe bedeutet.

Aber dich nicht zu lieben,
wäre ebenfalls eine Katastrophe.

Ich stecke also an einem Punkt,
der noch nicht einmal eine Sackgasse ist,
denn in einer Sackgasse kann man zurückgehen.

Nein,
ich stehe an einem Punkt,
in dem ich wie eingemauert bin.

Ich kann weder den linken
noch den rechten Weg nehmen.

Eine Zwickmühle
würde mir ja wenigstens eine Alternative geben.

Aber dies hier ist alternativlos.

Denn eigentlich müsste ich beides,
aber beides kann ich nicht.

Und jedes für mich Einzelne
stürzt mich in einen Abgrund.

Nun gut,
könnte man sagen,
das ist ja eine Zwickmühle.

Aber das Problem ist,
eine Zwickmühle hat nur unangenehme Dinge.

Dich zu lieben wäre ja angenehm.

Aber es hätte wiederum Konsequenzen,
die unangenehm wären.

Das sind noch ganz andere Dinge.

Nein,
ich kann weder vor noch zurück.

Mein Ruf steht auf dem Spiel
und auch eine Ehe ist eine Art finanzielles Gefängnis,
von dem du dir gar nicht vorstellen kannst,
wie es ist.

Und auszubrechen
in die ökonomisch unbekannte Zukunft
ist auch sehr riskant.

Die Frage wäre ja die,
kannst du mir ein Leben bieten,
so wie ich es bei Anton pflege?

Ich weiß es nicht.

Kannst du es mir sagen?

Deine Loretta.

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