Sehen

Achtundzwanzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Lieber Tobias,
ich sitze in dem Wohnzimmer meiner Mutter.
Sie hat immer noch dasselbe alte Sofa,
auf dem ich schon als Kind saß.

Anton ist nicht mitgekommen,
er hat sich gedrückt,
aber ich glaube,
das ist das typische Verhalten gegenüber einer Schwiegermutter,
die dem Schwiegersohn mehr als kritisch gegenübersteht.

Mir gegenüber ist sie immer sehr fürsorglich,
auch heute noch,
wenngleich das ein bisschen etwas Zwiespältiges auslöst.

Einerseits ist es natürlich sehr angenehm,
wenn sich jemand um einen sorgt und kümmert,
andererseits ist es so,
dass ich eine eigenständige Person bin,
die dieser sanften Form der Erziehung und Bevormundung immer etwas kritisch gegenübersteht.

Vielleicht kannst du nachvollziehen,
was ich meine.

Nun, sie ist gerade in der Küche
und macht mir einen Tee.
Ich sagte ja,
sie ist fürsorglich.

Und jetzt komme ich zum Teil,
der nicht so angenehm ist.

Und zwar möchte ich dich ersuchen,
mich nicht mehr aufzusuchen.
Sozusagen ein Hausverbot.

Das klingt sehr hart,
das ist es auch.

Aber ich habe mich dazu entschieden,
denn es ist nicht so,
dass ich dich nicht mag.

Das ist überhaupt nicht der Grund,
sondern im Gegenteil.

Vielleicht ist es gerade deshalb der Grund,
warum ich dich bitte,
mich nicht mehr zu besuchen.

Ich hatte dir im letzten Brief geschrieben,
dass meine Freundin Andeutungen machte.

Und sie hat diese Andeutungen nicht nur mir gegenüber gemacht,
sondern auch der weiteren Bekanntschaft,
dem weiteren Umfeld,
in dem ich mich bewege.

Und Gerüchte einmal in die Welt gesetzt,
sind schwer zu widerlegen.

Vor allen Dingen, wenn man ja das Gegenteil lebt.

Ich kann also nicht sagen,
dass da nichts wäre mit dir
und andererseits mich weiterhin treffen.

Ich würde damit meinen Worten Lügen strafen.

Es wäre kein glaubwürdiges und ehrliches Dementi.

Und ich möchte nicht als eine Person gelten,
die nicht das macht,
was sie sagt.

Es ist schwer, so eine Entscheidung zu fällen
und du kannst mir vertrauen,
dass es mir nicht leicht fällt.

Aber es ist das Beste so.

Nicht, weil ich nicht will,
sondern weil ich mich durch die Umstände gezwungen sehe.

Und ich glaube, du kannst es nachvollziehen.

Mein lieber Tobias,
ich wünsche dir noch einen schönen Tag
und ich hoffe,
dass du meine Entscheidung nachvollziehen und respektieren kannst,
wenn sie schon nicht auf deine Gegenliebe trifft.

Es grüßt dich, deine Loretta.

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