Sehen

Achtzehnter Brief an Tobias

Loretta Baum

Lieber Tobias,
ich stehe mit der Mülltüte
in der Hand
in der Küche.

Wahrscheinlich würdest du lächeln
über diesen Anblick,
aber mir ist danach
überhaupt nicht zumute.

Denn ich habe mich mit meinem Gatten
darüber gestritten,
wer den Müll runterbringt.

Und der Herr Philosoph
ist sich zu schade,
dies selbst zu tun.

Das ist Frauenarbeit,
hat er gesagt.

Dabei ist dieser Müll
fast komplett von ihm,
nicht von mir.

Aber nein, man überlässt diese Tätigkeit mir.

Frechheit.

Und irgendwie muss ich dir sagen,
diese Wut,
die ich empfunden habe,
hat mich selbst überrascht.

Von daher stehe ich
in der Küche,
unfähig mit dem Müll
nach unten zu gehen
und überlege,
woran das liegt.

Vielleicht, weil diese Wut
und dieser Groll
eine tiefere Ursache haben. Etwas Härteres,
das durchbricht. Und das mir,
die ich mich sonst gut
unter Kontrolle habe.

Vielleicht ist es Rührung,
vielleicht Mitleid
mit mir selbst
oder ganz einfach nur Erschöpfung.

So ein Moment, muss ich dir ehrlich gestehen,
passiert auch mir.

Er passiert nicht oft,
aber er passiert.

Und ich weiß, dass du diese Momente sammelst,
dass du sie als Beweis nimmst,
als meine Öffnung an dich,
als meine Einladung.

Aber da muss ich dich enttäuschen.

Mitleid beim anderen auszulösen, mein Lieber,
ist keine Offenbarung der Liebe.

Es ist ein kurzer Augenblick,
in dem die Kontrolle nachgibt,
aber es ist keine Einladung an dich.

Also mach dir klar,
das ist kein Ja.

Und weißt du, ich kämpfe irgendwie
an zwei Fronten.

Ich kämpfe gegen die Bequemlichkeit von Anton,
seine Gleichgültigkeit,
dieses lässige Lachen,
was alles und nichts bedeutet.

Und ich kämpfe gegen die Regung an,
die ich nicht bestellt habe
und die trotzdem in dem Augenblick kommt,
an der man sie am wenigsten erwartet
und am wenigsten gebrauchen kann.

Ja, ich kämpfe gegen mich.

Aber was soll's?

Genug lamentiert.

Ich werde jetzt den Müll runterbringen,
nicht als Geste der Unterwerfung
und auch nicht,
weil Anton recht hat,
sondern weil ich den Gestank des Mülls
nicht mehr ertrage.

Und das ist ein kleiner Unterschied.

Ich hoffe, das sind die Nuancen,
die du verstehst.

Deine Loretta.

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