Sehen
Am jüngsten Tag
Es war der Tag des jüngsten Gerichtes. Das Schlimmste war schon vorüber. Gottvater hat zornig gerichtet über die Gerechten und die Schlechten. Und seltsam, die beiden Türen – links zur Himmelspforte, rechts in die Hölle, waren auf einem Treppenabsatz. Ja, da ganz oben. Und darauf standen nur links Petrus und rechts der Oberteufel. Bisweilen scherzten sie sogar miteinander. Und die steile Treppe hinauf stiegen links die lange Reihe der Gerechten – alle nur von einem durchscheinenden leichten Nachthemd bekleidet – und rechts die Reihe der Verdammten. Die natürlich allesamt nackt. Hier herrschten auch arges Heulen und Zähneknirschen. Hin und wieder versuchte einer der Verdammten, mit einem der Gerechten einen Tauschhandel, aber jedesmal erhielt der Verdammte – oder die Verdammte – eine Abfuhr in Form eines höhnischen Gesichtsausdrucks. Ganz oben beim Oberteufel war gerade der Bürgermeister von Rosenheim, Gustl Bierhammer, angelangt. Der versuchte dem Oberteufel schönzureden und noch letzte vorteilhafte Bedingungen für sich zu erwirken. Doch daraus wurde nichts. Der Oberteufel kennt ja seine Spezies – und zack stieß er den Gustl durch die Tür, dessen Wehgeschrei man noch lange hören konnte. Dann kam ein junges Mädchen dran, trat vor den Oberteufel und zeigte an, daß es ihm etwas ins Ohr flüstern wolle. Der Oberteufel schaute sich das Mädel daraufhin erst einmal näher an. Hm, dachte er, gar nicht so übel. Wie gesagt, seine Reihe bestand ja aus lauter Nackten. Na gut sagte er, bückte sich ein wenig runter und ließ sich einflüstern. Es ist ja so, daß man sich den Oberteufel, der ja selbst auch nackt dasteht in Ganzheit Rot vorstellen darf. Also wie ein richtiger Teufel. Das war keine Legende, nein das ist tatsächlich so. Aber nachdem der das, was ihm das Mädchen eingeflüstert hat, gehört hatte, wurde der Oberteufel sowas von Rot – man mußte Angst haben, daß er nicht davon platzt. Nach kurzem Verschnaufen – er spie Feuer und Schwefel – hielt er eine kurze Weile inne, atmete langsam und tief und wandte sich an Petrus: „Hey mein Freund, du mußt mir bei einer Entscheidung behilflich sein, diese junge, aber große Sünderin, hat mir gerade einen Vorschlag ins Ohr geflüstert, mit dem ich so ganz und gar nicht klar komme.“ – „Gut mein Freund, sagte Petrus zum Oberteufel, dann laß mal hören.“ – Um Gottes und meiner Großmutter willen, das geht nicht an, das, was sie einzuflüstern hat, müßte sie dir also ebenso… wenn du verstehst was ich meine.“ – Petrus schaute sich das Mädchen jetzt auch ein wenig näher an, und winkte ihr, ihm Dasjenige auch ins Ohr zu flüstern. Also ging sie rüber zu Petrus, stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte ihm ein. „Hm…“, machte da Petrus nur, strich sich über den langen weißen Bart und sagte: „Das ließe sich schon einrichten, dann bleib doch mal gleich hier auf meiner Seite, ich spreche vorsichtshalber nochmal mit dem Chef und dann sollte das schon klargehen.“ Das Mädel strahlte vor Glück. – Der Tag des jüngsten Gerichtes ging dann irgendwann auch mal zuende, aber der Oberteufel, der ist regelrecht vom Glauben abgefallen. Er hat dem Petrus seine Freundschaft gekündigt, hat ihn nicht mehr angeschaut. So etwas hätte er niemals geglaubt…