Sehen

An einem Dienstag in Berlin

Luiz Goldberg

An einem regnerischen Dienstag
im Spätsommer verlässt Karl
die Welt, ohne je
seine Stadt verlassen zu haben.

Der Pastor, ein junger Mann
mit sanfter Stimme, fragt
die Hinterbliebenen nach Anekdoten
für die Trauerrede.
Die Enkelin lächelt traurig:
Ihr Großvater hat in
84 Jahren nie die Grenzen
der Metropole überschritten.

Beim Entrümpeln der kleinen Wohnung
in einem Altbauviertel stoßen sie
auf Relikte, die wie Puzzleteile
ein Leben enthüllen.
Ein vergilbtes Bild zeigt
seine Großeltern vor einem
grauen Hausblock, datiert 1939
– Zeugen einer Zeit, als
Sirenen die Nächte zerrissen.
Daneben liegt ein zerfledderter Theaterzettel
aus den 1950er Jahren, wo
er seine spätere Frau traf,
eine Polin, die vor Unruhen floh
und mit Akzent von fernen Flüssen sprach.

Karl blieb immer hier,
doch die Strömungen der Geschichte
spülten Fremdes an seine Tür.
Als die Mauer fiel,
feierte er mit Nachbarn aus dem Osten,
die von kalten Wintern erzählten.
Später kam der libanesische Bäcker
um die Ecke, dessen Fladenbrote
nach Gewürzen dufteten, die Karl
nie gerochen hatte.
Der chinesische Schneider flickte seine Jacken
und plauderte von Reisfeldern.
Nachts fuhr ihn ein algerischer Fahrer
durch die Straßen, teilte Geschichten
von Wüsten und Revolutionen.
Er überstand Bombardements, die Teilung,
den Wandel – sah, wie sein Viertel
sich verjüngte, Cafés sprossen
und Touristen einströmten.
Sprachen mischten sich:
Arabisch im Park, Spanisch im Bus.
Karl verstand nicht alles,
doch er hörte zu, nickte,
teilte Brot.
Die Welt reiste zu ihm,
in Form von Gesichtern, Gerüchen, Melodien.

Auf dem Friedhof, umgeben von Steinen
mit Namen aus Asien, Afrika, Europa,
hält die Enkelin die Ansprache.
Sie spricht von einem Mann,
der wusste: Ferne liegt oft
nur eine Straßenbahnfahrt entfernt.
Der Regen rinnt über die Gräber,
als wollte er die Grenzen verwischen.
Karl ruht nun, doch seine Stadt
pulsiert weiter – ein Mosaik
aus allen Welten.

Zugriffe gesamt: 24