Sehen

An einem Freitag im August 1971

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Hubert saß immer in der letzten Reihe.

Nicht
weil
die Lehrer ihn dort hingewiesen haben,
nein,
er suchte von sich aus immer
die letzte Reihe
der Schulbänke.

Hier fühlte er sich wohl,
nicht so frontal beobachtet
und hier konnte er seinen Phantasien
und Wunschgedanken nachhängen.

Hubert hatte von Natur aus viel Phantasie.

Das hatte er von seinem Vater,
der ein Bibliothekar und Streuner war.

Ja,
auch ein Streuner war er.

Er streunte überall in der Gegend rum,
beobachtete die Welt und die Menschen,
und schrieb Gedichte und Kurzgeschichten.

Das wußte Hubert nur von seiner
Tante Ida.

Denn seine Mutter mochte nicht,
daß er die Eigenarten seines Vaters,
die sie verabscheute,
erfuhr.

Am Ende ahmte er sie gar nach.

Was jedoch selbst Tante Ida nicht wußte

und ihm später auch nicht zuflüstern konnte,
war,
daß sein Vater neben dem Beobachten
und Schreiben,
auch Nachstellen,
Einfangen und Genießen betrieb.

Damit sind sogenannte Weibergeschichten gemeint.

Und diese Gene besaß auch Hubert
in besonderem Maße.

Doch
als er noch in
der achten Klasse
und gerade mal 14 Jahre alt war,
hatte Hubert zwar Vaters Talente zum
Phantasieren in sich,
aber was die Umsetzung betrifft

vornehmlich die,
von Wunschgedanken
–,
solches war ihm noch nicht beschieden.

So saß er dann in
der letzten Schulbankreihe neben seinem besten
Freund Volker
und sann nach,
schaute aus dem Fenster auf
die belaubten Bäume,
auf deren Äste bisweilen nette Vögeln saßen,
und schwenkte seine Augen auch wieder
ins Klassenzimmer

zum Lehrer und auch zu den Mädchen.

Ja,
insbesondere die Mädchen schaute er sich an.

Das waren für ihn ganz andere Wesen
als
die Jungs.

Er hatte keine Schwester
und auch keinerlei Kusinen,
mit denen er näher hätte bekannt
werden können.

Zudem kam die Erstaunlichkeit hinzu,
daß
die Mädchen mit 14 ganz anders
fortgeschritten waren

in Bezug auf die Entwicklung zum Erwachsenwerden.

Das erkannte Hubert weitaus besser
als seine Schulkameraden.

Die spielten noch leidenschaftlich Cowboy und Indianer,
sammelten Fußballaufklebebilder und dergleichen kindlicher Dinge mehr.

Hubert war da schon anders drauf.

Er machte sich Gedanken.

Über Mädchen
und über
die Wirkung von Mädchen auf sich

und seine aufkeimende Sexualität.

Das Wort Sexualität kannte er allerdings
nur in Verbindung mit einer Art
von Gossensprache,
die die Jungs untereinander verwendeten,
wenn es um „Sex“ ging von
dem gesprochen wurde,
wie von einem geheimen und verbotenen Mysterium.

Da wurden
die abenteuerlichsten Behauptungen
und Mutmaßungen in Diskussion gestellt
und
der Wahrheitsgehalt war dabei mehr
als dürftig.


Mit Rosa,
die er sich jetzt intensiv anschaute,
hatte er ein erotisches Erlebnis.

Sie war eine von den Zwillingen in
der ersten Bank.

Rosa und Ellen.

Rosa fand Hubert viel hübscher,
obwohl sie natürlich viel Ähnlichkeit mit
ihrer Zwillingsschwester hatte.

Rosa hatte längeres Haar,
und ihr Busen war schon weiter entwickelt,
als der von Ellen.

Seine Phantasie ging gerade zu Rosas
ganzem Körper.

Er sah sie oft neben Ellen
in gleicher Kleidung.

Mit ihren hellen Pullis

noch ohne BHs
–,
Faltenröcken,
weißen Kniestrümpfen und den schwarzen Lackschuhen.

Und einmal,
beim Fangenspielen,
als Hubert Rosa gefangen hatte,
wehrte sie sich derart,
daß Hubert sich furchtbar anstrengen mußte,
Rosa festzuhalten.

In seiner Not nahm er Zuflucht
zu einer ungehörigen Tat.

Er zog einfach mit seiner Linken
Rosas Rock in
die Höhe,
so
daß ihr weißer Schlüpfer allen Mitschülern
sichtbar wurde.

Das war zu viel für Rosa.

Sie spuckte Hubert eine gehörige Portion
Spucke ins Gesicht
und fluchte fürchterlich auf ihn
und betitelte ihn mit einem grauslich-schlüpfrigen Schimpfwort.

Das wiederum war für Hubert zu viel.

Er ließ von Rosa ab
und verließ
das Fangenspiel
und schmollte vor sich hin.

Rosa jedoch,
die heimlich in Hubert verliebt war,
ärgerte sich über den Ausgang
der Rangelei mit Hubert,
ging stracks auf ihn zu,
der in einer verdeckten Schulhofecke stand
und stellte sich vor ihn hin.

Sie tat zwei Dinge gleichzeitig.

Zum einen sagte sie: „Vertragen wir
uns wieder?“


und zum anderen zog sie ihren
Pulli hoch
und zeigte Hubert ihre Brüste.

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