Sehen
An einem Morgen im sonnigen Mai, mit Blick aufs offene Fenster
Ich wäre so gerne ein Sultan
im 18. oder 19. Jahrhundert gewesen.
Der natürlich einen Harem besitzt.
Ich hätte dann viele Frauen
und ich würde sie alle gut behandeln.
Eine jede würde ich achten
und überschütten mit Geschenken
und Köstlichkeiten aller Art.
Und ich würde keine, keine einzige
zu einer Lieblingsfrau ernennen.
Das kennt man ja, dann kommt gleich Eifersucht
und Mißgunst auf.
Nein, ich würde jede Frau
als eine Nummer Eins ansehen.
Denn jede Frau ist einzig
und wert, wertgeschätzt zu werden.
Warum so viele Frauen?
Ach so… ja,
weil ich ja Sultan bin,
und damals im Orient war das so üblich.
Ein Sultan hatte einen Harem.
Die Frauen? Ja, wie schon gesagt,
ich würde sie alle gut behandeln,
würde nach einem System vorgehen,
bei dem keine Frau vernachlässigt würde.
Ich würde entweder nach Namen,
nach Alter,
oder nach Gewicht eine Liste erstellen
und dann reihum vorgehen.
Wenn ich zum Beispiel 120 Frauen hätte
würde ich im Jahr ungefähr dreimal
von Anfang bis Ende durchkommen.
Vielleicht sogar 122 Frauen,
dann würde es so gut wie glatt aufgehen.
Im ersten Drittel nach Namen –, alphabetisch,
von A bis Z.
Im zweiten Drittel nach Alter –, von der jüngsten
bis zur Ältesten.
Und im letzten Drittel nach Gewicht –, von der Leichtesten
bis zur Schwersten.
Nach Schönheit wäre auch nicht schlecht.
Aber wie sollte ich das entscheiden?
Sehr schwierig.
Hinzu käme dann auch wieder so eine Rangordnung
in Richtung Lieblingsfrau.
Nein, besser nur so wie gesagt –
nach Namen, Alter und Gewicht.
Und wenn ich mal zwei, drei oder mehr Frauen
auf einmal will?
Hm…
Das brächte das System wieder durcheinander…
Vielleicht im ersten Jahr mal so wie gesagt,
und im Jahr darauf dann erst mit mehreren…?
Muß ich noch zuende denken.
Und was ist mit der Haremsmutter?
Muß ich überhaupt eine haben?
Wohl doch, ja,
denn die muß für Ordnung und Disziplin sorgen,
ich muß ja nicht mit ihr Sex haben,
das ist ja immer so eine Uralte und Dicke.
Ja und dann noch die Eunuchen.
Die brauche ich auch noch.
Die werden dann von der Haremsmutter befehligt
und führen alles Organisatorische aus.
Ich sehe mich im Palast
auf seidene große Kissen liegen
und meine Haremsdamen befriedigen
all meine erotischen Wünsche…
Wie herrlich. – Hab ich noch was vergessen?
Naja, so Sachen wie Kondome,
Nylonstümpfe,
Strapse,
Korsagen,
Vibratoren
und anderes Sexspielzeug –,
das kann ich ja wohl getrost vergessen, oder?
Ja und – Aids doch wohl auch, nicht wahr?
Ich will ein Sultan sein.
Mit einem Harem.
122 Frauen bitte!