Sehen

Anspruch und Ekel

Luiz Goldberg

Der Anspruch
steht
wie ein Betonklotz
im leeren Saal der Parolen
kein Wort streichelt
nur Vorschlaghämmer
aus rostigem Stahl
schlagen zu
bis die alte Wahrheit
in tausend Splitter zerspringt
die sich in die Luft bohren
wie Granatsplitter
in Fleisch

Dann die Hände
blutig
wühlen
im Trümmerhaufen
Staub der Geschichte
steigt auf
Augen brennen
Finger greifen
Bruchstücke von gestern
von vorgestern
von den Lagern
von den Barrikaden
von den Reden
die mordeten

Formen
aus diesem Dreck
eine neue Stadt
aus schiefen Kanten
aus hässlichem Beton
aus Stacheldraht
den wir selbst gewoben haben
neu
radikal neu
abscheulich neu

Die Alten schreien
das ist kein Haus
das ist ein Folterkeller
die Gewohnten spucken aus
das ist kein Licht
das ist ein Brand

Doch wir
wir bauen weiter
weil das Alte
Gift war
langsam wirkend
in den Adern der Kinder
weil das Alte
Millionen ersäuft hat
in Blut und Papier

Und doch
wenn die neue Mauer steht
wenn der erste Schrei
aus dem neuen Turm kommt
wenn wieder ein Name
verschwindet
in der neuen Liste
ekelt es
bis zum Erbrechen

Neu
sagen wir
und schmecken Blut
Schaffen
sagen wir
und hören Ketten

Der Anspruch
ist dieses Hin und Her
zwischen dem Messer
das die Welt aufschlitzt
und dem Kind
das darin geboren werden soll

Zertrümmern
um zu atmen
Atmen
um wieder zu zertrümmern

Scherben
werden Spiegel
in denen wir uns sehen
hässlich
neu
hässlich neu

Und der Strom der Gewohnheit
lacht
weil er weiß
dass jedes Monster
das wir gebären
unsere eigenen Zähne trägt

Wir hämmern weiter
wir bluten weiter
wir bauen weiter
wir ekeln uns weiter

Das ist der Anspruch
dieses ewige
Widersprechen
in uns selbst

Neu
auch wenn es mordet
Neu
auch wenn es stinkt
Neu
trotz allem
Neu
gegen alles

Und morgen
wird der neue Klumpen
wieder zerschlagen
von neuen Händen
die bluten
wie unsere

So dreht sich
die Dialektik
aus Stahl und Ekel
aus Hoffnung und Grab

Der Anspruch
steht
und fällt
und steht wieder
als Fels
als Trümmer
als wir

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