Sehen
Apres Tanz
Das Lokal ist von gestern,
genauer gesagt von vor 40 Jahren.
Das sieht man an den durchgesessenen Stoffbezügen der Sitze,
die unter so manchem Hintern wackeln
und teilweise defekt und damit aufklappbar sind.
In den darunter liegenden Hohlräumen können kleine Dinge landen,
Haarklammern oder Geldmünzen.
Ganz schlimme Wackelkandidaten werden vom Inhaber ausgetauscht.
Das Ambiente an sich aber ist und bleibt retro,
und zwar echt retro,
es stammt aus den 80er Jahren.
Die Fans dieser Einrichtung beten täglich für die Gesundheit des Inhabers,
der den Laden quasi alleine schmeißt.
Er zapft an der Theke die Getränke,
liefert sie aus,
begrüßt jeden mit Handschlag,
flirtet mit den Damen
und macht seine Scherze mit den Männern.
Während seine Gäste schon allesamt Zipperlein aufweisen
von Knie über Hüfte bis Schulter und Ischias,
ist der Chef offensichtlich noch fit,
obwohl er jüngst auch eine 7 in sein Alter bekommen haben soll.
Sollte er selbst ernsthafte Beschwerden bekommen,
die ihn daran hindern,
mit Tabletts voller Bier und Wein durch den Raum zu rennen,
wird es eng für zahlreiche Besucher.
Denn hier in diesem Lokal beginnt für viele Menschen in fortgeschrittenem Alter ihr Sexleben.
Während die Gattin oder der Gatte daheim schon stark geschädigt sind,
so dass sie die Wohnung kaum noch verlassen können,
haben die besseren Hälften hier einen Anlaufpunkt.
Vorzugsweise nachmittags oder am frühen Abend frönen sie dem Paartanz.
Sich für mehr zu finden ist nicht schwer.
Die meisten sind auf der Suche nach einem Restleben,
während es daheim auf den Tod zugeht.
Dann wird zu Schlagern aus der guten alten Zeit geschwoft,
gemütlich am Tisch gesessen und gesüffelt,
mit Gleichgesinnten geplaudert.
Bevor es allerdings zu spät am Abend wird,
beginnt der Ernst des Lebens.
Dann sieht man Damen und Herren ihre Jacken anziehen
und sich langsam verabschieden.
Die einen haben es sich zur Routine gemacht,
getrennt den Saal zu verlassen.
Die schlanke Dame mit Kurzhaarfrisur und Brille beispielsweise sieht man dann oben im Foyer des Hauses von einem Fuß auf den anderen treten.
Im Winter kann es dort schon sehr zugig sein.
Sie wartet auf ihren Herrn,
der unauffällig knapp fünf Minuten nach ihr bezahlt und geht.
Die beiden haben noch etwas vor.
Der gerne in bayerischem Outfit auftretende Gegenpart dieser Dame hat wohl Glück,
seine Angebetete scheint Single zu sein
und der Vollzug in ihrer Wohnung stattzufinden.
Diese Vorzüge können nicht alle genießen.
Wenn beispielsweise beide Tanzpartner nicht zu sich nach Hause können,
müssen sie erfinderisch sein.
Eingeweihte sehen nicht ohne Mitleid,
wie der immer bedürftig wirkende Herr und seine lächelnde Dame um 22 Uhr gehen.
Auf sie wartet ein nicht wirklich geräumiges Auto,
in welchem sie tapfer die Paarung vollziehen.
Manchen Mitwissern tut schon beim Gedanken daran die Hüfte weh
und sie gehen im Kopf die Möglichkeiten durch,
schmerzfrei auf kleinem Raum zu kopulieren.
Doch offensichtlich wurden dabei Bedürfnisse gestillt,
denn erst jüngst,
nach etwa fünf Jahren,
sah man das Duo nicht mehr am gewohnten Ort.
Eine Art Sechser im Lotto ist ein berufliches Wohnmobil.
Ein kräftiger Bauarbeiter etwa verfügte über den Luxus eines geheizten Containers direkt an seiner Baustelle fern der Heimat.
Hierher lud er gerne Tanzpartnerinnen ein,
die dort immerhin die Beine ausstrecken konnten.
Nur zur Toilette mussten sie über einen kalten Gang in den Nachbarcontainer,
immer mit dem aufregenden Gedanken,
ein junger Kollege des Dickbäuchigen könnte auftauchen.
Auch im Keller des Tanzlokals,
eine Treppe tiefer,
sollen schon Paare die Gunst der Stunde genutzt haben,
wenn das dortige Büro nicht besetzt war.
Wie auch immer das apres Tanzvergnügen der Senioren aussieht,
wenn sie schließlich daheim im warmen Bett liegen,
klopfen sie sich selbst auf die Schulter.
Was haben wir wieder erlebt heute,
es war jede Verrenkung wert.