Sehen

Ariston

Nico Schwarzer

Mein Name ist Ariston, und ja, ich habe mich freiwillig für den Feldzug gegen Troja gemeldet. Ich wollte unbedingt dabei sein, wenn wir kämpften. Und ich muss zugeben: Ja, ich bin ein kleiner Sadist. Ich liebe es zu sehen, wie sich mein Schwert in den Körper eines anderen Menschen bohrt. Oder wie ich ihm den Kopf abschlage, dann mit meinen Händen in seinen Haarschopf greife, den Kopf triumphierend hochhalte und mich daran ergötze, wie sich die Augen noch für ein paar Sekunden bewegen, bevor sie verlöschen. Das alles und noch viel mehr wollte ich erleben. Ich wollte mir Frauen nehmen in den brennenden Ruinen dieser Stadt – Frauen, von denen man mir erzählt hatte, dass sie alle wunderschön seien. Ich wollte ihre entsetzten Augen sehen, wenn ich sie einfach nähme, von vorne, von hinten, und sie nichts dagegen tun könnten, außer zu schreien.

Die Realität war fast noch berauschender. Das Einzige, was störte, war die Langeweile zwischen den Kämpfen. Denn so oft wurde gar nicht gekämpft, jedenfalls nicht im klassischen Sinn. Wir mussten morden und brandschatzen, einfach um unsere Mägen zu füllen. Und irgendwann – zehn Jahre sind eine lange Zeit – war die Gegend entvölkert. Es gab nichts mehr zu essen. Das war unser Problem. Das war der Grund, warum wir mit knurrenden Mägen das Pferd bauten. Denn wir wollten entweder nach Hause zu unseren Familien oder diese verdammte Stadt endlich dem Erdboden gleichmachen, damit wir nach Hause konnten.

Und so bauten wir das Pferd. Und ich versteckte mich ebenfalls darin. Das war eine List und eine Tat, die höchsten Ruhm versprach. Wer die Tore von innen öffnete, würde für immer im Gedächtnis unseres Volkes bleiben. So hatte Odysseus es uns erklärt. Und er hatte recht. Die List funktionierte. Ich weiß nicht, wie viele Menschen ich in Troja erschlagen habe. Es waren unzählige. Ich habe es nicht bereut. Denn allzu oft hatten sie auf den Zinnen gestanden und uns verspottet. Sie tranken aus ihren Weinvorräten und aßen ihr Brotgetreide, das sie eingelagert hatten. Und sie wussten: Sie konnten hier jede Belagerung überstehen. Während wir – ausgehungert und zermürbt von der Mühsal der Belagerung – nichts hatten außer unserer Kameradschaft.

Mich hat es dann selbst erwischt, auf dem Weg in die Heimat. Ich hatte mit Odysseus die meisten Gefahren überstanden: die Zyklopen, die Sirenen. Aber im letzten Sturm, als das Boot zerbrach, da bin auch ich in den Fluten ertrunken. Es war ein schwerer Sturm. Es war kalt und nass. Und ich wusste, obwohl ich ein guter Schwimmer bin, ich könnte hier noch Stunden treiben, und das Ufer war viel zu weit entfernt. Ich wusste: Ich hatte keine Chance. Und ehe ich von Fischen angefressen würde und stundenlang litte, zog ich meine Klinge und schnitt mir selbst die Kehle durch. Und sagte: Hades, ich komme.

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