Sehen
Arschgesicht
Sie fahren vor mir
auf der Rolltreppe.
Eine blonde schlanke Frau
mit kleinem knackigen Hintern.
Hinter ihr ein breitschultriger Mann
in schwarzem T-Shirt
und Jeans.
Sie sind fünf, sechs Stufen
vor mir,
da haut er ihr genüsslich
auf den Arsch.
Ich platze schon vor Neid,
das hat bei mir lange keiner mehr gemacht.
Schon gar nicht in der Öffentlichkeit.
Diese Ehrerbietung vor allen Leuten,
diese Liebeserklärung,
die Geilheitserklärung.
Mein Vater war Spezialist darin.
Wenn meine Mutter in der Küche
am Herd oder an der Spüle stand,
kam er von hinten,
klatschte ihr auf den Arsch
und küsste sie gleich darauf feucht –
ich weiß, dass es feucht war,
denn auch mich küsste er immer feucht –
ins Gesicht.
Sie drehte sich dann mädchenhaft weg,
als sei es ihr peinlich,
vor den Kindern.
Aber im Grunde hat es ihr bestimmt gefallen.
Mein Vater war ein Anfasser.
Wenn ich mit ihm im Auto
zur Schule fuhr,
tätschelte er mein Knie
und sagte nette Sachen.
Wenn er mich küsste,
dann war das eben ziemlich nass.
Das wischte ich zwar immer sofort
mit dem Ärmel weg,
aber seine Körperlichkeit gefiel mir.
Sowohl durch seinen Auftritt
mit Mama am Herd
als auch durch sein Verhalten mit mir
lag eine geheimnisvolle Zärtlichkeit
in der Luft.
Man ahnte, da war noch was,
etwas, das einen zum Grinsen brachte.
Beim Volksfest im Dorf
drückte er mich beim Tanz fest
an seinen Bauch,
der im Takt hin und her wackelte.
Nähe pur.
Ich habe es immer genossen
und es gab nie ein unangenehmes,
zweifelhaftes Gefühl.
Ich mag unverhoffte,
unverbindliche,
harmlose Zärtlichkeiten von Männern immer.
Beim Tanz werde ich oft geküsst,
einfach so,
auf die Wange.
Keine Ahnung, woher die Männer den Mut nehmen,
vielleicht spüren sie einfach,
dass sie dürfen.
Das bedeutet gar nichts,
nur, dass es schön ist und nett.
Es bedeutet kein Ja von mir
zu irgendwas,
und in den meisten Fällen folgt auch kein Versuch.
Es ist einfach eine liebevolle Annäherung,
ein bisschen mehr als reine Freundschaft,
aber viel weniger als sexuelle Anziehung.
Heutzutage schon fast unmöglich.
In Zeiten von „Me too“
könnte man die armen Küsser verklagen,
vor allem, wenn es Chefs wären.
Ich erinnere mich sehr gerne
an unser Flurfest anno dazumal,
als mich der Leiter einer anderen Abteilung,
offensichtlich beschwipst,
plötzlich auf die Wange küsste.
Ich hatte erst einmal mit ihm gesprochen.
Es hätte mich auch nicht weiter gestört,
wenn er mir auf den Arsch gehauen hätte.
Ich glaube, ich hätte laut losgelacht.
Die Tussi auf der Rolltreppe aber,
der ihr Lover ein solch tatkräftiges Kompliment
in aller Öffentlichkeit machte,
drehte sich zu ihm um
und zeigte ihm ein echtes Arschgesicht.
Eine vorwurfsvolle Miene war eingefroren
und taute nicht mehr auf,
bis sie oben angekommen waren.
Armer Kerl.
Ach was, ich hoffe,
es war ihm scheißegal.