Sehen

Auf der Fröhlichstraße

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Die Schaufenster der stadtbekannten Puffstraße sind heute wieder gut mit potentiellem, zu rein sexuellen Zwecken bereitstehendem Menschenmaterial, ausgestattet. Die sonnige Mailuft trägt mit dazu bei, daß die Straße auch gut mit Kundschaft gefüllt ist. In einem der Schaufenster sitzen sich zwei sich Anbietende gegenüber, rauchen Zigaretten und plaudern wie sonst Belangloses, wägen mit spitzen Bemerkungen ihre Kundschaft von oben herab ab, sehen jedoch zu, daß sie geschäftlich auf sich aufmerksam machen und daß ihre Dienstleistungen in für sie zufriedenstellendem Maße frequentiert werden. „Ach weißt du, ich hatte gestern eine Kundschaft, die regelrecht abscheulich war. Schau mal da vorn, da ist das Individuum wieder, es kommt näher, schau nicht so auffällig hin –; hat mir doch gestern noch zum Abschied ein Angebot gemacht, das mich zum Ekeln erregte.“ – „Ja was denn, sag´s mir – ist doch gar nicht so eine schlimme Erscheinung, finde ich.“ – „Geradezu widerlich. Stell dir vor, dieses Individuum wollte doch glatt, daß ich mich zum Blasen unter sie lege, und dabei sollte ich ihr ihre triefige ausgeleierte… du weißt schon – ich bei ihr, sie bei mir –; und dann steckte sie mir noch ihren runzeligen Zeigefinger in den Arsch.“ – „Steckte?? Du hast das alles tatsächlich gemacht?“ – „Aber ja mein Lieber, weißt du was sie mir geboten hat?“ Und damit zeigt Dieter drei bankfrische grüne Hunderter vor, die sich Jochen staunend mit heruntergezogenen Mundwinkeln anschaut. „Ja der Himmel, laß die Alte zu mir kommen!“ – „Sie ist gleich bei uns, noch wenige Schritte, ja, da winkt sie auch schon – heute überlasse ich sie dir!“ Eingehakt in den linken Arm ihrer Freundin Ruth, schreitet Marianne auf besagtes Schaufenster zu und flüstert Ruth lächelnd zu: „Der linke da, der Jochen, den hatte ich gestern. Ruth, das ist so ein geiles Oberschwein, der macht tatsächlich alles!“ – „Was du nicht sagst, Marianne –, auch…?“ – „Ja, auch das, genau das worüber wir letzte Woche noch gesprochen haben, und dabei ist er sowas von einfühlsam. Ich habe mich gefühlt wie im siebten Himmel. Marianne, den mußt du ausprobieren!“ – „Aber ich bin doch… mein Alter, meine Figur… ach, ich fühl mich so…“ – „Ruth, dazu sitzen sie doch in ihren Schaufenstern. Es ist völlig einerlei wie deren Kundschaft ausschaut, oder woher sie kommt. Sie machen´s doch nur für´s Geld.“ – „Ja wenn du meinst Marianne – aber Du wartest auf mich, ja?“ – „Ruth, ich gehe zwei Häuser weiter, da sitzt immer dieser muskulöse Schwarze, der macht es mir jedesmal sowas von… ich sag´s dir, den mußt du dann auch nochmal –, ein andermal natürlich.“ Und so stieg nach kurzer geschäftlicher Verhandlung, Ruth zu Jochen ins Zimmer, während Marianne die Zeit über bei Jeremy, dem netten Schwarzen, verbrachte. Die Puffstraße füllte sich zum Nachmittag hin weiter mit diversen Kundinnen jeglichen Alters und jeglicher Herkunft. Ob hübsch oder häßlich, dick oder dünn, hier kamen alle auf ihre Kosten, denn die Männer in den Schaufenstern waren allesamt gut anzuschauen, gut bestückt und willens alles zu geben was begehrt wird.

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