Sehen

Auferstehung

Claudia Carl

Auferstehung der Dinge
der alte Arbeitsweg
die Trambahn, die sich peu a peu in die Villengegend vorarbeitet
vorbei an dem U- Bahn Knotenpunkt
an den Läden die diesen Stadtteil versorgen
dem Stadion, vor dessen Eingang sich an Spieltagen Trauben von
Kerlen bilden

An den Einfamilienhäusern entlang
vorbei am letzten einsamen Bioladen
ins Grün
Stadtende
dahinter ist das Paradies
der Promis

Früher war die Schönheit der Fahrt gestört durch Pläne und
Gedanken
was einen am Ziel erwartet, was man herausfinden muss
um es der Welt weiterzugeben
Angst vor der Langeweile der Gemeinderatssitzungen
den Blicken der Wichtigen auf dein Schreibwerkzeug
ob es auch rotiert bei ihrer Wortmeldung

Gedanken an den nächsten Tag, den Chef, der wissen will
den Producer, der die Zeilenzahl nennt
und den Büroturm mit den Kollegen
dem Mittagsessens Blabla über dienstliche Belange
dem Langeweile Kaffee am Nachmittag

Heute ist die Fahrt ein Wiedersehen
ein Glücksgefühl, dass es sie noch gibt
die Schienen
die riesigen Balkone an den protzigen Einfamilienhäusern
die sich um ganze Etagen schwingen
die Familien, die alle an der Filmstadt aussteigen
den Auftrag, der dich wieder auf diese Strecke bringt
die Rückbesinnung auf alte Fähigkeiten

Heute ist die Fahrt Auferstehung
aus der Innenwelt ins Freie
weg vom Hin und Her zwischen Sofa und Bett
weg von dem Körperpflege Tagesablauf
von den kleinen Tees und Mittelchen
vom Lauschen auf Zipperlein und deren Pflege
heute fließt wieder Adrenalin
das alle Wehwehchen ausschaltet
Auferstehung der Menschen
der Dorfhistoriker, mit dem man schon vor 20 Jahren an wichtigen
Stätten war
die Forscherin, deren Werke man einst vorgestellt hat
die immer noch die gleiche Chaotin ist
pleite, aber gefüllt mit geschichtlichen Details
das Cafe, bei dessen Eröffnung man war

So viele Dinge und Menschen hatte man vergessen
im Laufe der Jahre
wäre man nach ihnen gefragt worden, man hätte nicht geahnt
dass sie noch unter den Lebenden sind
die Tramlinie noch nicht eingestellt wurde
dass keine Hochhausblocks die Promivillen vertrieben haben.

Und dann auch noch die alte Nachbarin, die 100 sein muss,
weil man sie seit Jahrzehnten auf ihren Rollator gestützt
durchs Viertel schleichen sieht
die sicher jede Nacht damit rechnet zu sterben
heute steigt sie in die U-Bahn
mit Stock und Hut
in einem feschen Mantel

Auferstehungs-Tag

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